22. Mai 2022, Etappe von Ghlin nach Tournai

Okay, die Wahl des Schlafplatzes gestern war doch nicht so gut gewesen und das Problem war nicht die Bundesstraße, die nahebei über die Brücke führte! Nein, ab halb elf kam ich in den Genuss einer rollenden Disko, sprich: Einige Halbstarke hatten sich irgendwo in der Nähe versammelt und die Stereoanlage im Auto voll aufgedreht. Normalerweise benutze ich keine Ohrstöpsel, wenn ich wild campiere, aber in diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht. Zwar drang der infernalische Krach, bestehend aus Presslufthammerschlagzeug- und Bässen – was daran Musik sein soll, habe ich nie verstanden – nur noch gedämpft an meine geplagten Ohren, dennoch döste ich nur, dabei das Kampfmesser immer in Griffweite. Gewöhnlich ist bei solchen Freiluftpartys nämlich auch immer eine Menge Alkohol im Spiel und ich hatte keine Lust auf irgendwelchen Besuch in meinem Zelt! Der Spaß ging bis drei Uhr morgens, dann rauschte die Bande endlich ab und Ruhe kehrte ein. Das Einzige, was die restliche Nachtruhe später noch zweimal störte, waren Blaulicht und Sirenen von Polizeistreifen. Dennoch war ich in der früh todmüde und auch der Kaffee schaffte es nicht, diesen Zustand zu ändern. Um 08:45 brach ich schließlich auf und hoffte, dass ich auf der Etappe irgendwo noch ein Café finden würde, wo ich eine Koffeinpause machen konnte. Während ich so radelte und allmählich munter wurde – der heutige Tag versprach bestes Wetter – betrachtete ich mir die Strecke genauer, weil ich wissen wollte, ob ich gestern besser noch weiter gefahren wäre. Tatsächlich hätte ich 16 Kilometer noch zusätzlich einplanen müssen, um einen angenehmeren Schlafplatz zu finden: Ein Picknickplatz an einer Schleuse. Das wäre schon sehr spät geworden. Ich legte dort eine längere Pause ein, nachdem alle bisherigen über Google Maps gefundenen Cafés geschlossen hatten.

Das nächste wäre erst wieder in Antoing. Weit bis Tournai ist das dann nicht mehr. Wahrscheinlich durchquere ich die Stadt noch und suche mir dahinter am Fluss einen Schlafplatz. Das hätte den Vorteil, dass ich morgen nur eine sehr kurze Etappe bis Escanaffles habe. Der Wetterbericht sagt für Montag immer noch konstant schlechtes Wetter voraus. Die Strecke war bis hinter Peruwelz wunderbar zu fahren und im Gegensatz zu gestern, gab es weniger Industrie, dafür mehr grüne Landschaft und malerische Orte entlang des Kanals. Nur auf 2 km hatte ich dann Pech. Die Asphaltdecke des Radweges endete plötzlich und ich musste mich mit meinem Gespann über eine wahre Abenteuerpiste, übersät mit großen Steinen, Wurzeln, bestehend aus blanker Erde – durch den Regen die Tage zuvor schön matschig und zäh wie Treibsand – und einem so breiten und großen Schlammloch, dass ich mich nicht mehr drumherum mogeln konnte. Es war ein Kampf, das schwere Gespann dadurch zu manövrieren und danach sahen mein armes Fahrrad, der Anhänger und meine Schuhe auch entsprechend aus! Am Ende dieser Strecke befand sich eine Sperre plus Warnschild. Prima, diese Sperre, oder auch nur ein Hinweisschild, hätte ich aus der Gegenrichtung ebenfalls gebraucht.

Von hier aus war der Radweg wieder asphaltiert und ich radelte weiter nach Antoing. Auffällig war, dass am gesamten Radweg entlang Bäume, Zweige und Äste lagen. Scheinbar hatte das Unwetter am Freitag in dieser Region deutlich härter zugeschlagen und erhebliche Schäden angerichtet. Glücklicherweise gab es keine Bäume mehr, die quer auf dem Weg lagen. Nach einigen Kilometern endeten diese Schäden. An der Schleuse vor Antoing bog ich ab, überquerte den Kanal und fuhr zum Café, welches auch geöffnet hatte. Eigentlich wollte ich dort länger bleiben und die Zeit zum Arbeiten nutzen, weil ein neuer Designauftrag hereingekommen ist, aber leider gab es keine Steckdose, die hätte nutzen

können. Kleinere Arbeiten kann ich mit Photoshop auch im Akkubetrieb erledigen, jedoch nicht einen kompletten Auftrag. Zudem lief dort die Übertragung eines Autorennens, zuverlässig geeignet, jegliche Kreativität und meine Nerven zu töten! Hinter Antoing wechselte der Radweg an die Schelde und hier waren die Schäden an den Bäumen wesentlich stärker. Gleich drei lagen in Abständen von einigen hundert Metern quer über dem Weg, ließen sich aber glücklicherweise auch mit Anhänger umrunden. An den Rändern türmten sich auf einer Strecke von vielleicht vier Kilometern abgerissene Äste und Zweige. Darunter einige respektable Witwenmacher.

Bis Tournai gab es keine Überraschungen mehr. Am Four à Chaux, einem kleinen öffentlichen Park, hätte ich gut übernachten können, aber da war es rappelvoll und ich wollte nicht so lange warten, bis die Leute nach Hause gingen, damit ich mein Zelt aufbauen konnte. Es war ohnehin noch recht früh, gerade mal halb fünf, also fuhr ich weiter. In Tournai war bei dem schönen Wetter auch alles los, was nicht angebunden war. Ich wechselte daher auf den Gehweg und schob mein Fahrrad. So hatte ich genug Muße, einige Fotos zu machen. Das letzte Stück der Etappe ging dann noch bis kurz vor Pecq, nachdem ich auf der Strecke einfach keinen passenden Zeltplatz gefunden habe. An einem kleinen See entdeckte ich einen Picknickplatz und beschloss, dass ich hier übernachten würde. Zum morgigen Ziel in Escanaffles sind es dann nur noch 15 Kilometer. Die sollte ich schaffen, bevor es richtig nass wird.

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