27. Mai 2022, Etappe von Blankenberge nach Nevele

Nach einer ungestörten Nacht brach ich um halb zehn wieder auf. Ich hatte mich nach einigen Überlegungen gestern Abend doch für einen Kurswechsel entschieden. Anstatt weiter dem Küstenradweg zu folgen, wollte ich heute über Brügge nach Genf und als nächste Etappe dann Antwerpen fahren. So schön es auch gewesen war, am Meer – na ja, viele Abschnitte liefen nur parallel dazu, ohne Blick aufs Wasser – zu radeln: Die Campingplätze dort sind arschteuer, Fähren kosten auch Geld und wild campen ist hier beinahe unmöglich, da der Radweg nahezu konstant an Schnellstraßen entlang verläuft oder durch Städte und Orte. Mit einem Kurswechsel würde ich auch mehr von Belgien sehen und Zeit hatte ich ja.

Ich fand auch schnell einen schönen Radweg, der allerdings nach wenigen Kilometern umgeleitet wurde und durch das Industriegebiet Seebrügge führte. Nicht so schön, aber dafür kam ich zügig voran. Bei Lissewege bog er endlich von der Schnellstraße ab und schlängelte sich durch die flache Landschaft mit ihren Wiesen, Weiden und einzelnstehenden Bauernhöfen. Hauptsächlich Milchviehbetriebe, aber auch Schweinemast. Die sah man zwar nicht immer gleich, roch sie aber umso intensiver im Vorbeifahren.

Nach Brügge rein ging es wieder an einem Kanal entlang und durch das Ezelpoort in die Stadt hinein. Eine wunderschöne Stadt, aber proppenvoll. Und ich meine wirklich proppenvoll! Es war schier unmöglich, obwohl alle Straßen für Radfahrer freigegeben waren, irgendwo zu fahren. Autos, Busse und Pferdekutschen – erschreckend, dass es sie immer noch gibt, denn für die Tiere ist es purer Stress! – schoben sich durch Menschenmassen. Unglaublich, dass es da nicht alle naselang zu einem Unfall kommt! Am Marktplatz staute es sich dann erst richtig. Schöne Fotos machen? Keine Chance. Auch die Terrassen der Cafés, Bistros und Restaurants waren voll besetzt. Ob das nun so schön ist, seinen Kaffee oder sein Bier zu trinken, wenn nur wenige Meter entfernt der Straßenverkehr seine Abgase in die Luft bläst, vom Krach gar nicht erst zu reden? Also mein Ding wäre es nicht!

Ich hielt mich auch gar nicht lange auf, parkte mein Gespann und holte mir einen Stadtplan im Touristenbüro. Weiteres Material für Radwege oder so bekam man dort leider nicht – jedenfalls nicht gratis. Erneut radelte ich an einem Kanal entlang bis zum Damptoor und folgte von dort aus den Schildern, bis ich auf den Radwanderweg nach Gent kam. Der führte ebenfalls einige Kilometer sehr schön an einem Kanal entlang bis Moerbrugge. Hier gab es erneut eine Umleitung wegen Baustellen und ich radelte auf Straßen weiter. Der Vorteil dieser Region ist, dass es total flach ist, zusätzliche Kilometer also nicht so kräftezehrend und zeitraubend sind, als wenn ich mich noch etliche Steigungen hochkämpfen muss.

Bis Beernem ging es am Kanal weiter und auch hier musste ich mich erst daran gewöhnen, dass die Radwege auch für den motorisierten Verkehr freigegeben sind. Zwar mit Einschränkungen, aber ich hatte das Gefühl, dass die kaum jemanden abhielten. Vor allem beanspruchten die Autofahrer Vorrang, ich musste ständig mit meinem Gespann bis ins Bankett ausweichen, obwohl eigentlich Radfahrer hier Vorrang hatten. Das nervt ganz schön.

In Beernem legte ich eine Pause in einem Bistro ein, um die dringend benötigte Koffeindosis zu konsumieren. Smartphone und Laptop konnte ich dort gleich aufladen, musste das aber extra bezahlen, was ich auf meinen bisherigen Radwandertouren noch nie erlebt hatte. 50 Cent pro Gerät und Stunde. In einem nahegelegenen Carrefour kaufte ich noch Vorräte ein und radelte anschließend weiter. Irgendwo zwischen Beernem und Aalter hoffte ich, einen Schlafplatz zu finden. Ja, Pustekuchen. Zwei Picknickplätze hätten Potenzial gehabt, lagen aber direkt am Radweg, der ja, wie schon geschrieben, auch für den motorisierten Verkehr freigegen war. Also radelte ich weiter. Und weiter. Alles, was ich sah, waren rechts und links Zäune, Weiden, Äcker und Wiesen. Da, wo Platz etwas abseits gewesen wäre, wucherten Unkraut und Gras meterhoch. Wenn das so weiter ging, landete ich heute noch in Gent. Um Mitternacht oder so.

Als ich schon am Verzweifeln war, tauchten vor dem Ort Nevele die Zäune und Gebäude einer Tennisanlage rechts vom Radweg auf. Ich parkte das Gespann und ging hinein. Fragen kostet nichts. Es gab auch ein Klubhaus mit einer Bar und nach einem kurzen Gespräch mit einer netten Dame, die dort arbeitete und auf meine Frage hin mit der Managerin der Sportanlage telefonierte, hatte ich meinen Schlafplatz. Sogar mit Toilette und Wasser. Nach 12 Stunden Fahrt war ich komplett alle. Ich baute mein Zelt auf, aß eine Kleinigkeit und kroch um halb elf in den Schlafsack. Zu müde, um noch den Blogartikel zu schreiben, verschob ich das auf Morgen. Bis Gent und zum Campingplatz sind es nur knapp 20 Kilometer. Die kann ich ganz gemütlich fahren, denn einchecken geht erst ab 15 Uhr.

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