02. Juli 2022, Etappe von Nordenham nach Cappel-Neufeld

Heute früh wollte ich eigentlich nur in Ruhe meinen Kaffee trinken und die Sachen packen. Das klappte auch so weit gut, bis ich zufällig in ein Gespräch zwischen meinen Zeltnachbarn und einem Rentner, der mit einem Wohnmobil unterwegs war, geriet. Der Tenor dessen, was ich so mitbekam, erinnerte sehr an diverse Twitter Kommentare zu Rassismus und Klimawandel.

Besagter Renten jedenfalls regte sich auf, weil: „Früher war man freier und heute darf man ja nichts mehr sagen.“ Er sah mich auffordernd an, weil er wohl auf Zustimmung hoffte.

Ich fragte: „Was genau meinen Sie denn, mit freier?“, obwohl ich bereits ahnte, worauf das hinauslief.

Er zuckte mit den Schultern. „Na ja, eben, dass man heute nicht mehr Z******r oder M*****kopf sagen darf!“

„Sie wissen schon, dass das damals genauso rassistisch und diskriminierend gewesen ist wie heute, oder?“

„Damals hat man es halt so gemacht, was ist daran verkehrt gewesen?“

Oh Mann, wo fängt man denn da an?!

„Andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe zu diskriminieren, ist niemals richtig! Ich hatte als Kind und Teenager genug darunter zu leiden. Ich wehre mich auch dagegen, so bezeichnet zu werden!“ (Mit dem Z-Wort).

„Dann sind Sie eben zu sensibel.“

Wow.

„Okay, dann darf ich Sie im Gegenzug Kartoffel nennen, ja?“

Schweigen. Dann: „Das ist aber ein Schimpfwort!“

„Ach.“

Nochmal Schweigen. Ich konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn ratterte, aber scheinbar fühlte er sich immer noch im Recht, denn jetzt kam seine Rechtfertigung:

„Ich bin trotzdem kein Rassist, wissen Sie? Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und helfe ehrenamtlich bei den Johannitern mit.“

Meine Antwort: „Menschen, die ihren Rassismus hinter ihrer Religion oder ihrem Glauben verstecken, die sind die Schlimmsten!“ Bin dann gegangen, bevor mir noch sehr unhöfliche Wörter raus rutschten. Junge, war ich vielleicht geladen! Später erfuhr ich von meinen Zeltnachbarn, dass der Typ auch den Klimawandel leugnete und tja, nicht überraschend, AfD-Wähler war. Er kam aus dem Osten Deutschlands, aber wo da genau, hat er wohl nicht erwähnt.

Mir jedenfalls reichte es schon am frühen Morgen und ich packte so schnell wie möglich zusammen. Frühstücken wollte ich in Bremerhaven dann. Nachdem ich mich abgeregt hatte.

Vom Café  in der Fußgängerzone aus, in dem ich gefrühstückt hatte, konnte ich einen Teil des Radwanderweges abkürzen und traf erst  am Kaiserhafen wieder auf den Eurovelo 12. Ab da folgte ich ihm durch den Überseehafen – keine sehr schöne Strecke – bis Weddewarden. Dort machte ich an einem windgeschützten Picknickplatz eine kleine Pause. Das heftige Gewitter vor zwei Nächten hatte die Temperaturen stark abkühlen lassen, der frische Wind tat sein Übriges dazu. Glücklicherweise hatte ich ihn im Rücken, sodass ich recht flott unterwegs war. So flott, dass ich in Dorum-Neufeld im „De Koffiestuv“ erneut eine Kaffeepause einlegte, weil ich sonst zu früh am Campingplatz eingetroffen wäre. So zügig und mühelos hatte ich auf dieser Radwandertour 43 Kilometer noch nie zurückgelegt!

Um 15:30 traf ich auf dem Campingplatz Cappel-Neufeld ein. Es ist ein sehr schöner Platz, für Radwanderer gibt es sogar eine Hütte mit Kühlschrank, Herd und Sitzgelegenheiten, inklusive einer schönen Terrasse und Strom. WLAN habe ich auch, aber wie auf den letzten Plätzen auch, ist es langsam. Das Mobilfunknetz ist hier dafür flotter, sodass ich arbeiten kann.

Morgen radele ich den Eurovelo 12 weiter bis Cuxhaven, von da aus geht es nach Nordleda, wo ich einen privaten Zeltplatz über 1nitetent organisiert habe.

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