31. August 2022, Etappe von Celle nach Büchten

Eigentlich wollte ich heute früher aufbrechen, da es eine längere Etappe werden würde, aber irgendwie kam ich einfach nicht in Gänge und radelte erst um halb zehn Uhr los. Da mein Laptop dringend mal ins WLA musste, um Updates zu laden, suchte ich noch in Celle ein Café, in dem ich das erledigen konnte. Da nächste lag fast direkt am Radweg und gehörte zu einem kleinen Edeka. Ich bestellte mir also einen Kaffee, suchte mir von den drei Zweiertischen einen aus – draußen saßen Raucher und qualmten alles zu – und packte mein mobiles Büro aus. Kurz darauf kam ein älterer Mann – geschätzt 60 plus – mit einem kleinen Mädchen an der Hand herein. Wie sich schnell herausstellte, waren es Opa und seine Enkelin. Die Kleine trug einen Herzchen-Ballon an einer Schnur mit sich.

Er bestellte sich einen Kaffee und für das Kind einen Donut. So weit so gut, nichts Außergewöhnliches und ich konzentrierte mich wieder auf meinen Laptop. Bis der Mann, kaum, dass er sich gesetzt hatte, sein Smartphone zückte. Dann ging es los. (offenbar setzte er ein begonnenes Gespräch fort).

„Genau. Jetzt wollen sie uns sogar den Winnetou verbieten. Wegen Rassismus. Diese linksgrün Verstrahlten haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Nichts darf man in Deutschland mehr sagen! Gab dazu auch einen Artikel auf Pi-News. Gut geschrieben. Schicke ich dir später.“

Ich dachte bloß: Von allen Cafés, die es hier gibt, suche ich mir eines aus, in dem ein Rassist – und todsicher auch ein AfD-Wähler – seinen Kaffee trinkt! Schlimmer jedoch fand ich, dass er so vor dem Mädchen redete, aber das erfuhr noch eine Steigerung. Er ging kurz hinaus, sprach dort weiter in sein Handy und regte sich auf:

„Jim Knopf wollen sie auch verbieten, weil dieser Lukas doch schwarz ist! Ich sag dir, dieses Land geht vor die Hunde! Nur noch Verbote von diesen grünen Faschisten! Aber uns nennen sie Nazis!“

Glücklicherweise spielte die Kleine neben mir mit ihrem Luftballon und hörte wohl nichts von dem, was ihr Opa so von sich gab. Der hatte jetzt ein weiteres Thema gefunden, über das er sich aufregen konnte. Offenbar hatte die Bäckerei eine neue Regelung eingeführt, dass die Tische – innen wie auch außen – nur noch eine Stunde besetzt werden durften. Danach werden die Gäste gebeten, zu gehen. Warum, weiß ich nicht, aber ich vermute mal, weil es eben wenig Platz gibt und andere Kunden auch eine Chance haben sollen.

„Nicht länger als eine Stunde!“, tönte der Opa jetzt. „Kannst du dir das vorstellen? Sind die bekloppt, oder was? Ich werde hier sitzen, solange es mir passt!“

Die Angestellte hinter der Backtheke, der sichtlich unbehaglich zumute war, ging hinaus und redete leise mit ihm. Ich nehme an, dass sie sich bemüht hat, den Kerl irgendwie zu beruhigen. Funktioniert hatte es nicht. Er kam wieder herein, ging zu seiner Enkelin.

„Hör gut zu, was Opa sagt, ja? Wir werden uns das Land wieder von diesen Parasiten zurückholen.“

Es war deutlich zu sehen, dass die Kleine sich nicht wohlfühlte. Sie drehte sich weg, konzentrierte sich auf ihren Donut und den Luftballon. Derweil palaverte Opa munter weiter.

„Anstatt guten Deutschen zu verbieten, dass sie sich zum Kaffee hinsetzen dürfen, sollten man mal den Laden da drüben mal aufräumen! Wie schon die Auslage aussieht! Unmöglich!“

Er meinte wohl den türkischen Obst- und Gemüseladen vis à vis. Jetzt kam ein weiterer Gast, eine Frau geschätzt so um die 50. Offenbar kannten Opa und sei sich, denn nun lamentierten sie gemeinsam darüber, was man alles nicht mehr sagen und machen durfte. Zwischendurch lehnte er sich immer zu seiner Enkelin rüber und mahnte: „Merk dir gut, was Opa sagt!“

Schon allein dafür hätte ich ihm liebend gerne eine reingehauen. Gerade Rechte faseln ständig davon, dass Grüne und Linke Kinder und Jugendliche indoktrinieren, sind da aber selbst ganz vorne mit dabei. Die Frage für mich war, ignorierte ich dieses Arschloch einfach oder machte ich meinem Ärger Luft? Ich wollte das Mädchen nicht in eine mögliche Auseinandersetzung hineinziehen. Bei solchen Typen muss man mit allem rechnen, auch, dass sie gewalttätig werden. Der Kaffee schmeckte mir jedenfalls nicht mehr und ich machte mich bereit für den Aufbruch. In diesem Moment lief das Mädchen mit seinem Luftballon nach draußen. Ich brachte mein Geschirr weg und trat zu dem Mann.

„Wissen Sie“, begann ich leise, „ich bin eine von diesen linksgrün Verstrahlten. Ich habe meine gesamte Kindheit und Jugend unter Menschen wie Ihnen gelitten. Menschen, die sich für etwas Besseres hielten, nur, weil sie zufällig weiß sind und hier geboren wurden. Sie sind also der Ansicht, dass Sie hier nichts mehr sagen dürfen? Dann beantworten Sie mir doch mal diese Fragen: Werden Sie eingesperrt, wenn Sie Ihre Meinung kundtun? Verprügelt Sie jemand deswegen? Müssen Sie Angst um Ihr Leben und das Ihrer Familie deswegen haben?“

Schweigen. Er mustert mich, als wäre er sich nicht ganz sicher, wie er reagieren soll.

„Ihresgleichen kann nahezu unbehelligt auf offener Straße und in den sozialen Netzwerken Morddrohungen gegen Ihnen missliebige Menschen ausstoßen. Sie werden auf Demos sogar von der Polizei beschützt, wenn sich Gegenprotest formiert. Diesen Luxus haben Ihre Opfer nicht! Also, dann erklären Sie mir doch mal, wo Sie „nichts mehr sagen dürfen“.“

Immer noch schwieg er.

„Normalerweise würde ich Ihr Gefasel schlicht ignorieren, aber was mich wirklich zornig macht ist, dass Sie die Chuzpe besitzen, Ihre Enkelin mit Ihrem Hass und Dummschwätzerei zu belästigen! Ein unschuldiges Kind. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, sofern Sie überhaupt noch dazu in der Lage sind! Einen guten Tag wünsche ich noch.“

Damit verließ ich die Bäckerei. Klar, den Kerl wird es vermutlich nicht die Bohne jucken, aber ich musste mir da Luft machen. Vor allem wegen des Mädchens. Diese Typen bestehen nur aus gekränktem Ego und jammern unablässig. Verachtenswert, aber leider brandgefährlich, wie die neuesten Anschläge in Leipzig gezeigt haben.

Ich fuhr weiter und zurück auf den Aller-Radwanderweg, dem ich bis Hambühren folgte. Weil der Radweg aber ab dort in großen Schleifen durch das Tal entlang der Aller – größtenteils geschottert, führte, nahm ich die Alternativroute, die an der B 214 entlangführte. Nicht so schön zu fahren, aber gut 10 Kilometer kürzer. Als ich Wietze erreichte, holte ich das mit dem WLAN in einem wesentlich schöneren Café nach. Unbehelligt von rechten Dummschwätzern aktualisierte ich einige Programme und das Betriebssystem, bevor ich weiterfuhr. Von hier aus radelte ich wieder den Aller-Radweg über Schwarmstedt und Grethem bis Büchten. Um 17:30 traf ich am Ziel ein, wurde von Florian nett begrüßt und baute mein Zelt im Garten auf. Toilettenbenutzung und Trinkwasser waren inklusive. Morgen fahre ich über Steimbke und Stöckse – grins – direkt nach Nienburg an die Weser. Für diese Etappe habe ich das Nachtquartier bereits gesichert.

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