27. Mai 2022, Etappe von Blankenberge nach Nevele

Nach einer ungestörten Nacht brach ich um halb zehn wieder auf. Ich hatte mich nach einigen Überlegungen gestern Abend doch für einen Kurswechsel entschieden. Anstatt weiter dem Küstenradweg zu folgen, wollte ich heute über Brügge nach Genf und als nächste Etappe dann Antwerpen fahren. So schön es auch gewesen war, am Meer – na ja, viele Abschnitte liefen nur parallel dazu, ohne Blick aufs Wasser – zu radeln: Die Campingplätze dort sind arschteuer, Fähren kosten auch Geld und wild campen ist hier beinahe unmöglich, da der Radweg nahezu konstant an Schnellstraßen entlang verläuft oder durch Städte und Orte. Mit einem Kurswechsel würde ich auch mehr von Belgien sehen und Zeit hatte ich ja.

Ich fand auch schnell einen schönen Radweg, der allerdings nach wenigen Kilometern umgeleitet wurde und durch das Industriegebiet Seebrügge führte. Nicht so schön, aber dafür kam ich zügig voran. Bei Lissewege bog er endlich von der Schnellstraße ab und schlängelte sich durch die flache Landschaft mit ihren Wiesen, Weiden und einzelnstehenden Bauernhöfen. Hauptsächlich Milchviehbetriebe, aber auch Schweinemast. Die sah man zwar nicht immer gleich, roch sie aber umso intensiver im Vorbeifahren.

Nach Brügge rein ging es wieder an einem Kanal entlang und durch das Ezelpoort in die Stadt hinein. Eine wunderschöne Stadt, aber proppenvoll. Und ich meine wirklich proppenvoll! Es war schier unmöglich, obwohl alle Straßen für Radfahrer freigegeben waren, irgendwo zu fahren. Autos, Busse und Pferdekutschen – erschreckend, dass es sie immer noch gibt, denn für die Tiere ist es purer Stress! – schoben sich durch Menschenmassen. Unglaublich, dass es da nicht alle naselang zu einem Unfall kommt! Am Marktplatz staute es sich dann erst richtig. Schöne Fotos machen? Keine Chance. Auch die Terrassen der Cafés, Bistros und Restaurants waren voll besetzt. Ob das nun so schön ist, seinen Kaffee oder sein Bier zu trinken, wenn nur wenige Meter entfernt der Straßenverkehr seine Abgase in die Luft bläst, vom Krach gar nicht erst zu reden? Also mein Ding wäre es nicht!

Ich hielt mich auch gar nicht lange auf, parkte mein Gespann und holte mir einen Stadtplan im Touristenbüro. Weiteres Material für Radwege oder so bekam man dort leider nicht – jedenfalls nicht gratis. Erneut radelte ich an einem Kanal entlang bis zum Damptoor und folgte von dort aus den Schildern, bis ich auf den Radwanderweg nach Gent kam. Der führte ebenfalls einige Kilometer sehr schön an einem Kanal entlang bis Moerbrugge. Hier gab es erneut eine Umleitung wegen Baustellen und ich radelte auf Straßen weiter. Der Vorteil dieser Region ist, dass es total flach ist, zusätzliche Kilometer also nicht so kräftezehrend und zeitraubend sind, als wenn ich mich noch etliche Steigungen hochkämpfen muss.

Bis Beernem ging es am Kanal weiter und auch hier musste ich mich erst daran gewöhnen, dass die Radwege auch für den motorisierten Verkehr freigegeben sind. Zwar mit Einschränkungen, aber ich hatte das Gefühl, dass die kaum jemanden abhielten. Vor allem beanspruchten die Autofahrer Vorrang, ich musste ständig mit meinem Gespann bis ins Bankett ausweichen, obwohl eigentlich Radfahrer hier Vorrang hatten. Das nervt ganz schön.

In Beernem legte ich eine Pause in einem Bistro ein, um die dringend benötigte Koffeindosis zu konsumieren. Smartphone und Laptop konnte ich dort gleich aufladen, musste das aber extra bezahlen, was ich auf meinen bisherigen Radwandertouren noch nie erlebt hatte. 50 Cent pro Gerät und Stunde. In einem nahegelegenen Carrefour kaufte ich noch Vorräte ein und radelte anschließend weiter. Irgendwo zwischen Beernem und Aalter hoffte ich, einen Schlafplatz zu finden. Ja, Pustekuchen. Zwei Picknickplätze hätten Potenzial gehabt, lagen aber direkt am Radweg, der ja, wie schon geschrieben, auch für den motorisierten Verkehr freigegen war. Also radelte ich weiter. Und weiter. Alles, was ich sah, waren rechts und links Zäune, Weiden, Äcker und Wiesen. Da, wo Platz etwas abseits gewesen wäre, wucherten Unkraut und Gras meterhoch. Wenn das so weiter ging, landete ich heute noch in Gent. Um Mitternacht oder so.

Als ich schon am Verzweifeln war, tauchten vor dem Ort Nevele die Zäune und Gebäude einer Tennisanlage rechts vom Radweg auf. Ich parkte das Gespann und ging hinein. Fragen kostet nichts. Es gab auch ein Klubhaus mit einer Bar und nach einem kurzen Gespräch mit einer netten Dame, die dort arbeitete und auf meine Frage hin mit der Managerin der Sportanlage telefonierte, hatte ich meinen Schlafplatz. Sogar mit Toilette und Wasser. Nach 12 Stunden Fahrt war ich komplett alle. Ich baute mein Zelt auf, aß eine Kleinigkeit und kroch um halb elf in den Schlafsack. Zu müde, um noch den Blogartikel zu schreiben, verschob ich das auf Morgen. Bis Gent und zum Campingplatz sind es nur knapp 20 Kilometer. Die kann ich ganz gemütlich fahren, denn einchecken geht erst ab 15 Uhr.

26. Mai 2022, Etappe von Diksmuide nach Blankenberge

Die Nacht war ungestört geblieben und ausgeruht und nach einem Kaffee brach ich um halb neun Uhr zur die nächsten Etappe auf. Die führte mich die nächsten 11 Kilometer an den Hafen von Diksmuide. Der Radweg war zwar sehr schön ausgebaut, beschildert und gut zu befahren, doch war er leider auch für motorisierte Fahrzeuge freigegeben. Ein Landwirt kam mir mit einem monströs großen Traktor samt Anhänger entgegen, dessen Reifen kaum Platz auf dem Weg hatten, geschweige denn ich mit meinem Gespann. Ich quetschte mich förmlich auf den schmalen Grastreifen und halb ins Gebüsch, damit der Landwirt vorbeifahren konnte. Die Reifen seines Traktors rollten dabei nur knapp an meinen Füßen vorbei! Auch sonst herrschte reger Verkehr, vor allem Rennradler sausten einzeln oder in Gruppen an mir vorbei, oder kamen mir entgegen, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein Unterschied von Frankreich zu Belgien: In Frankreich grüßen sich Radfahrer. In Belgien kaum. Gelegentlich kommt mal ein freundliches Nicken, aber das wars auch schon. Diksmuide war deutlich größer als ich es mir vorgestellt hatte und der Hafen wunderschön. Sehenswert natürlich auch das Friedenstor.

Weiter ging es dann – mit teils kräftigem Gegenwind – nach Nieuwpoort. Weil heute ein Feiertag war, hatte das Touristenbüro leider geschlossen. Ich musste mich also vorerst für den Küstenradweg auf die Ausschilderung verlassen, denn auch GPX Tracks konnte ich für Komoot nirgends finden zum Herunterladen. Ich nahm mir etwas Zeit und fotografierte die wunderschöne Kirche und einige Häuser. Danach suchte ich den Eurovelo 12, fand ein Hinweisschild am Hafenbecken und folgte diesem – in die falsche Richtung, war ja klar! Den Fehler bemerkte ich erst, als ich am Ende der Yser, wo sie ins Meer mündet, sah, dass ich auf der Route in Richtung Dünkirchen unterwegs war. Also radelte ich alles zurück bis zum Hafenbecken, suchte und fand dann auch den Wegweiser in die richtige Richtung.

Hatte ich bis dahin noch Gegenwind, konnte ich jetzt ganz entspannt radeln, denn der Wind kam ab hier von hinten und schob ein bisschen mit. Bis Middelkerke lief der Radweg an der N 38 entlang, bog dann ab und da war es: Das Meer. Die Nordsee. Bis Ostende und weiter fuhr ich auf der gut ausgebauten Uferpromenade, die auch als Radweg gekennzeichnet war, weiter. Da ein Feiertag war und schönes Wetter – bis auf den frischen Wind – tummelten sich allerdings Massen an Ausflüglern und Touristen an den Stränden und der Uferpromenade und drängten sich auf den Terrassen der Cafés, Bars, Restaurants und Bierstuben. Streckenweise ging es nur zu Fuß weiter, wenn ich niemanden überfahren wollte. Es gab hier auch Verleihgeschäfte für kleine Kettcars, Quads und alle möglichen pedal- oder elektrisch betriebene Fahrzeuge für Kinder, die mit den Dingern kreuz und quer über die Uferpromenade fuhren. Mehrfach konnte ich nur knapp ausweichen, zweimal wäre mir ein Kind fast in den Anhänger gefahren. Möchte nicht wissen, wie das hier in der Hochsaison ist! Gerade Ostende war schlimm, da bin ich fast die gesamte Strecke gelaufen. Davon abgesehen, war die Strecke toll zu fahren, bestens ausgeschildert und der Blick auf das Meer und die Strände – noch recht leer – wirklich schön. Hinter Ostende radelte ich dann weiter, hoffte, heute nicht allzu spät einen Schlafplatz zu finden. Küstenregionen sind, was wild campen betrifft, ja immer schwieriger. Links hatte ich das Meer und rechts – oder links, je nachdem – die N 38. Und praktisch jeder verfügbare Quadratzentimeter war mit Hotelburgen verbaut. Campingplätze gab es natürlich auch. Sie reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Kette. Nur wenige von ihnen boten aber auch Zeltplätze an, die schon jetzt sehr teuer waren. In der Hauptsaison steigen die Preise ja dann noch mal saftig an. Also kein Unterschied zu Frankreich. Bis Blankenberge bot sich absolut keine Möglichkeit für eine Übernachtung. Hinter der Stadt bog ich versehentlich – ich hatte wohl ein Hinweisschild übersehen – auf eine anderen Radweg nach Seebrügge ab, der durch einen wenig frequentierten Grüngürtel lief und fand tatsächlich nach kurzer Zeit einen geeigneten Platz für mein Zelt und müden Knochen. Nicht optimal, weil der Lärm der N 38 zwar gedämpft aber immer noch gut hörbar war, aber wind- und sichtgeschützt. Für morgen werde ich meine Route wohl ändern müssen. Der Eurovelo 12 führt weiter an der Küste entlang und ich müsste einige Male mit Fähren übersetzen, für die ich das Geld jetzt nicht habe. Ich fahre morgen erst nach Brügge, schau mir die Stadt an und hoffe, dass ich in einem Touristenbüro Kartenmaterial bekomme. Dann schaue ich mal, dass ich schöne Radwege nach Antwerpen finde und radele von da aus zurück an die Küste.

25. Mai 2022, Etappe von Escanaffles nach Diksmuide

Fast zwei Tage lang durfte ich die Gastfreundschaft von Annerose und ihrem Mann genießen. Es war schön, mal jemanden persönlich kennenzulernen, den man sonst nur auf Facebook liest. Ein ganz großes Dankeschön nochmal, für eure Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, liebe Annerose. Es war toll bei euch! Die heutige Etappe sollte größtenteils an Kanälen und Flüssen entlang nach Yper führen, je nachdem, wo ich einen Schlafplatz finden würde, auch weiter. Das Wetter spielte halbwegs mit. Regen war nicht angesagt, aber es war windig und kühl. Ich brach um halb zehn Uhr auf, radelte von Escanaffles aus zurück bis Bossuit, wo ich die Brücke überquerte und dem Kanal nach Kortrijk folgte. Zum Teil führte der Radweg an der Straße entlang, war aber dennoch angenehm zu fahren.

Der Wind hatte mittlerweile aufgefrischt, die Böen bliesen mit mehr als 50 km/h, was so richtig unangenehm wurde, als ich von Kortrijk an die Leie nach Menen wechselte, was bedeutete, dass ich ab hier Gegenwind hatte. Bis Wevelgem lief der Radweg teils autofrei direkt an der Leie entlang, später auch an Straßen. In Menen wollte ich mir eigentlich ein Café suchen, um für eine halbe Stunde oder länger aus de kalten Wind herauszukommen und einen Kaffee zu trinken. Fehlanzeige. Ich kam an dutzenden von Bierstuben, Pizzarestaurants und – natürlich – Frittenbuden vorbei. Die einzigen beiden Cafés, die ich entdeckte, boten keinen Parkplatz für mein Gespann an. Erstaunlich auch: Gut ausgebaute Radwege, aber kaum verkehrsberuhigte oder autofreie Zonen. Ein Gebäude zu fotografieren ohne Blechlawine davor war fast unmöglich. Sehr schade, denn die Architektur von historischen Gebäuden und ganzen Häuserzeilen hier ist wunderschön und sehenswert.

Was meinen Zeitplan durcheinanderbrachte, waren allerdings die vielen Baustellen und Umleitungen, die auch die Radwege betrafen. Schlussendlich kostete es mich eine Stunde, um aus Menen heraus und auf die Radroute nach Ypern zu gelangen. Ich hätte noch bis Wervik fahren müssen, um eine andere, schönere Strecke zu bekommen, aber das schenkte ich mir. Immerhin musste ich nach Ypern auch noch nach einem Schlafplatz am Kanal suchen. Daher radelte ich den Radweg entlang der N 8 entlang. Von Menen aus waren das 14 Kilometer, die eigentlich – da weitestgehend flach – keine riesige Entfernung darstellte, wenn da nicht immer noch der heftige Wind gewesen wäre. Der hatte nämlich erneut zugelegt und die seitlich kommenden Böen schoben mich entweder fast vom Radweg oder bremsten von vorne, sodass ich dreimal absteigen musste und das Gespann schob. Was mir noch auffiel: Es gibt hier unglaublich viele Soldatenfriedhöfe. Alle naselang sah ich auf der Strecke Schilder, die auf diese Plätze hinwiesen. An einem Friedhof fuhr ich auch direkt vorbei. Als ich in Ypern endlich ankam, war ich heilfroh und hoffte, dass die Route entlang des Kanals in Richtung Diksmuide leichter zu fahren war. Ypern selbst war beeindruckend. Ganz sicher eine der schönsten Städte, die ich auf meinen bisherigen Touren gesehen habe! Was für eine fantastische Architektur! Leider spielten weder Wetter – kalt, windig, stark bewölkt und gelegentliche Schauer – noch Zeit dabei mit, ein ausführliches Sightseeing zu machen. Es blieb bei einigen Fotos im Vorbeifahren. Diese Stadt ist jedenfalls schon mal auf meiner „muss ich unbedingt nochmal herkommen Liste“ eingetragen! Am Kanal entlang gelangte ich aus Ypern heraus recht schnell wieder ins Grüne. Meine Hoffnung, ebenso schnell einen geeigneten Schlafplatz – vor allem windgeschützt! – zu finden, zerschlug sich allerdings schnell. Es gab am Radweg nur schmale Grasstreifen rechts und links, bestanden mit meterhohem Gras und Unkraut. Die einzigen potenziellen Plätze, an denen ich vorbeikam, hatten sich Angler für die Nacht bereits gesichert. Auch abseits des Kanals bot sich nichts an. Äcker, Wiesen und Rinderweiden – einmal sah ich eine Herde Alpakas und Lamas! – vieles davon eingezäunt. Gelegentlich mal ein Bauernhof. Ich radelte also Kilometer um Kilometer weiter. Fündig wurde ich endlich hinter einer Brücke, an der ein winziger Hafen lag. Dort gab es auch einen großen Picknickplatz und hinter einem kleinen Häuschen konnte ich mein Zelt windgeschützt aufbauen. Morgen folge ich dem Kanal über Diksmuide bis nach Nieuwpoort und wechsele dort auf den Nordseeküstenradweg, dem Eurovelo 12. Der Wetterbericht für die Küste ist leider nicht sehr ermutigend: Wind, sehr kühl – kaum 14 Grad – und auch immer wieder mal Regen. Vielleicht finde ich auf den nächsten Etappen einen günstigen Campingplatz und bleibe ein paar Tage.

22. Mai 2022, Etappe von Ghlin nach Tournai

Okay, die Wahl des Schlafplatzes gestern war doch nicht so gut gewesen und das Problem war nicht die Bundesstraße, die nahebei über die Brücke führte! Nein, ab halb elf kam ich in den Genuss einer rollenden Disko, sprich: Einige Halbstarke hatten sich irgendwo in der Nähe versammelt und die Stereoanlage im Auto voll aufgedreht. Normalerweise benutze ich keine Ohrstöpsel, wenn ich wild campiere, aber in diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht. Zwar drang der infernalische Krach, bestehend aus Presslufthammerschlagzeug- und Bässen – was daran Musik sein soll, habe ich nie verstanden – nur noch gedämpft an meine geplagten Ohren, dennoch döste ich nur, dabei das Kampfmesser immer in Griffweite. Gewöhnlich ist bei solchen Freiluftpartys nämlich auch immer eine Menge Alkohol im Spiel und ich hatte keine Lust auf irgendwelchen Besuch in meinem Zelt! Der Spaß ging bis drei Uhr morgens, dann rauschte die Bande endlich ab und Ruhe kehrte ein. Das Einzige, was die restliche Nachtruhe später noch zweimal störte, waren Blaulicht und Sirenen von Polizeistreifen. Dennoch war ich in der früh todmüde und auch der Kaffee schaffte es nicht, diesen Zustand zu ändern. Um 08:45 brach ich schließlich auf und hoffte, dass ich auf der Etappe irgendwo noch ein Café finden würde, wo ich eine Koffeinpause machen konnte. Während ich so radelte und allmählich munter wurde – der heutige Tag versprach bestes Wetter – betrachtete ich mir die Strecke genauer, weil ich wissen wollte, ob ich gestern besser noch weiter gefahren wäre. Tatsächlich hätte ich 16 Kilometer noch zusätzlich einplanen müssen, um einen angenehmeren Schlafplatz zu finden: Ein Picknickplatz an einer Schleuse. Das wäre schon sehr spät geworden. Ich legte dort eine längere Pause ein, nachdem alle bisherigen über Google Maps gefundenen Cafés geschlossen hatten.

Das nächste wäre erst wieder in Antoing. Weit bis Tournai ist das dann nicht mehr. Wahrscheinlich durchquere ich die Stadt noch und suche mir dahinter am Fluss einen Schlafplatz. Das hätte den Vorteil, dass ich morgen nur eine sehr kurze Etappe bis Escanaffles habe. Der Wetterbericht sagt für Montag immer noch konstant schlechtes Wetter voraus. Die Strecke war bis hinter Peruwelz wunderbar zu fahren und im Gegensatz zu gestern, gab es weniger Industrie, dafür mehr grüne Landschaft und malerische Orte entlang des Kanals. Nur auf 2 km hatte ich dann Pech. Die Asphaltdecke des Radweges endete plötzlich und ich musste mich mit meinem Gespann über eine wahre Abenteuerpiste, übersät mit großen Steinen, Wurzeln, bestehend aus blanker Erde – durch den Regen die Tage zuvor schön matschig und zäh wie Treibsand – und einem so breiten und großen Schlammloch, dass ich mich nicht mehr drumherum mogeln konnte. Es war ein Kampf, das schwere Gespann dadurch zu manövrieren und danach sahen mein armes Fahrrad, der Anhänger und meine Schuhe auch entsprechend aus! Am Ende dieser Strecke befand sich eine Sperre plus Warnschild. Prima, diese Sperre, oder auch nur ein Hinweisschild, hätte ich aus der Gegenrichtung ebenfalls gebraucht.

Von hier aus war der Radweg wieder asphaltiert und ich radelte weiter nach Antoing. Auffällig war, dass am gesamten Radweg entlang Bäume, Zweige und Äste lagen. Scheinbar hatte das Unwetter am Freitag in dieser Region deutlich härter zugeschlagen und erhebliche Schäden angerichtet. Glücklicherweise gab es keine Bäume mehr, die quer auf dem Weg lagen. Nach einigen Kilometern endeten diese Schäden. An der Schleuse vor Antoing bog ich ab, überquerte den Kanal und fuhr zum Café, welches auch geöffnet hatte. Eigentlich wollte ich dort länger bleiben und die Zeit zum Arbeiten nutzen, weil ein neuer Designauftrag hereingekommen ist, aber leider gab es keine Steckdose, die hätte nutzen

können. Kleinere Arbeiten kann ich mit Photoshop auch im Akkubetrieb erledigen, jedoch nicht einen kompletten Auftrag. Zudem lief dort die Übertragung eines Autorennens, zuverlässig geeignet, jegliche Kreativität und meine Nerven zu töten! Hinter Antoing wechselte der Radweg an die Schelde und hier waren die Schäden an den Bäumen wesentlich stärker. Gleich drei lagen in Abständen von einigen hundert Metern quer über dem Weg, ließen sich aber glücklicherweise auch mit Anhänger umrunden. An den Rändern türmten sich auf einer Strecke von vielleicht vier Kilometern abgerissene Äste und Zweige. Darunter einige respektable Witwenmacher.

Bis Tournai gab es keine Überraschungen mehr. Am Four à Chaux, einem kleinen öffentlichen Park, hätte ich gut übernachten können, aber da war es rappelvoll und ich wollte nicht so lange warten, bis die Leute nach Hause gingen, damit ich mein Zelt aufbauen konnte. Es war ohnehin noch recht früh, gerade mal halb fünf, also fuhr ich weiter. In Tournai war bei dem schönen Wetter auch alles los, was nicht angebunden war. Ich wechselte daher auf den Gehweg und schob mein Fahrrad. So hatte ich genug Muße, einige Fotos zu machen. Das letzte Stück der Etappe ging dann noch bis kurz vor Pecq, nachdem ich auf der Strecke einfach keinen passenden Zeltplatz gefunden habe. An einem kleinen See entdeckte ich einen Picknickplatz und beschloss, dass ich hier übernachten würde. Zum morgigen Ziel in Escanaffles sind es dann nur noch 15 Kilometer. Die sollte ich schaffen, bevor es richtig nass wird.

21. Mai 2022, Etappe von Luttre nach Ghlin

Geplant hatte ich heute nur eine entspannte Etappe bis Mons oder etwas weiter, je nachdem, wo sich ein Schlafplatz fand. Daher brach ich auch erst um halb zwölf Uhr auf. So konnten nach dem heftigen Regen gestern Zeltplane und andere Sachen noch abtrocknen, bevor ich sie verpackte. Bis zum Radweg waren es nur ein paar hundert Meter und ab da auch gut zu fahren.

Durch die Gewitter und den Regen hatte es deutlich abgekühlt, um fast 15 Grad. Dazu wehte ein frischer Wind von Nordwest und die Sonne ließ sich kaum blicken. Nichts mit kurzer Hose und T-Shirt heute.

Etwa 14 Kilometer radelte ich am alten Kanal weiter, der nach Brüssel führte und auf dem ich hergekommen war. Ab Seneff dann bog ich auf den Canal du Centre historique ab, dem ich bis Antoing folgen würde, wo er in die Schelde mündet. Das Etappenziel für heute sollte bei oder hinter Mons sein, je nachdem, wo ich einen passenden Zeltplatz fand.

Wirklich interessant an diesen Kanälen sind die Schiffshebewerke. Ja richtig, keine Schleusen mit Toren, sondern eine Art Aufzüge für Schiffe! Einer der imposantesten ist wohl der Ascenseur funiculaire de Strépy-Thieu hinter La Louviere. 75 Meter beträgt hier die Differenz, die die Schiffe hochgehoben oder abgesenkt werden.

Ich schoss einige Fotos und radelte anschließend weiter. Ursprünglich hatte ich geplant, irgendwo noch eine Kaffeepause einzulegen, doch das einzige Café, welches nicht zu weit weg vom Radweg lag – in Le Rœulx – wirkte wenig einladend und ich verwarf meinen Plan. Danach bot sich auch keine Gelegenheit mehr.

Mons erreichte ich gegen halb sechs und begann damit, allmählich Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz zu halten. Der große See fiel schnell durchs Raster. Viel zu offen – da hätte ich gleich einen Leuchtturm installieren können – und auch zu viel Publikumsverkehr. Ich fuhr also weiter, am rechten Ufer des Kanals. Im vergleich zur Sambre oder anderen Flüssen und Kanälen wurden diese hier noch wirtschaftlich genutzt. Es gab viel Industrie an den Ufern im Wechsel mit grünen naturbelasseneren Abschnitten. Immer wieder schipperte ein Frachter, beladen mit Schüttgut oder anderer Fracht, vorbei. Freizeitkapitäne gab es natürlich auch.

9 Kilometer hinter Mons, an einem Industriehafenbecken, entdeckte ich einen Picknickplatz und nahm ihn genauer in Augenschein. Er lag schön sichtgeschützt zu den Parkplätzen und der Straße, die um das Becken herumführte. Da es Samstag war, tat sich hier nichts mehr, das einzige Manko stellte die N 50 dar, die über eine Brücke nur wenige Meter entfernt führte. Da herrschte noch dichter Verkehr und es war entsprechend laut. Bevor ich mich entschied, checkte ich per Google Streetview mögliche Schlafplätze auf den nächsten Kilometern ab, doch da sah es kaum besser aus. Bundesstraßen, Industrie … Die Entscheidung war gefallen. Ich würde hier übernachten und einfach hoffen, dass der Verkehrslärm in der Nacht nachlassen würde. Zwar habe ich solche Ohrenstöpsel, benutze sie aber nur sehr selten, wenn ich wild campiere. Mir ist es dann einfach lieber, ich höre alles und rechtzeitig.

18. Mai 2022, Etappe von Marpent nach Luttre

Heute war Tag der Reifenpannen! Glücklicherweise nur am rechten Hinterrad des Anhängers. Den ersten Platten entdeckte ich heute früh, als ich nach dem Kaffee alles zusammenpackte. Gestern gab es einige schlechtere Abschnitte mit spitzem Schotter auf der Strecke, da musste es wohl passiert sein. Kein Problem, ich hatte ja einen Schlauch zum Austauschen dabei. Der war zwar auch schon einmal geflickt, aber das stört nicht. Ich radelte um 9:20 also los, suchte mir den Weg zurück zur Brücke, denn der eigentliche Radwanderweg am Fluss entlang war wegen Bauarbeiten gesperrt worden. Die Umleitung führte durch Marpent und Jeumont durch, doch an der Brücke, wo e wieder auf den Radweg gehen sollte, gab es ebenfalls eine große Baustelle. Für Fußgänger und Radfahrer war aber eine schmale Schotterpiste verfügbar. Leider waren in dem Schotter auch Nägel und anderer Baustellenabfall verborgen. Prompt hatte ich, nachdem ich die Brücke passiert hatte, den nächsten Platten. Also Schlauch raus, flicken und den anderen Schlauch gleich mit. Schlauch wieder rein, Reifen aufpumpen und weiter ging es. Bis Merbes-les Château kam ich, dann bemerkte ich, dass der Reifen erneut Luft verlor.

Ein weiteres Mal koppelte ich den Anhänger ab, löste das Rad und untersuchte den Schlauch. Ich hatte schlicht ein Loch übersehen. Ich klebte den nächsten Flicken drauf und fuhr kurz darauf weiter. Diesmal hielt es. Da ich mich bereits in Belgien befand, überprüfte ich, ob sich mein Smartphone per Roaming mit einem Netz verbinden konnte. Fehlanzeige. Komplett tot. Ich befürchtete schon das Schlimmste für die restlichen Etappen durch Belgien, aber Gott sei Dank bekam ich einige Kilometer weiter endlich ein Netz. Sogar in guter Qualität.

Der Radwanderweg ließ sich wunderbar fahren und ich kam zügig voran. Hinter Thuin legte ich eine längere Pause ein, denn es war heiß und schwül und der Radweg bot nur wenig Schatten. Die Landschaft war abwechslungsreich, Rinderweiden dominierten aber. Hinter Landelies änderte sich das. Industrie überwog rechts und links und ab Marchienne-Au-Pont wurde es richtig hässlich. Moderne und verlassene, rostende Industrieanlagen reihten sich am Kanal hintereinander bis hinein nach Charleroi. Teilweise war der Radweg stark verschmutzt mit Scherben, Metallschrott und Müll. Schön zu fahren war das nicht.

In Charleroi suchte ich mir ein ruhiges Café für eine Pause, denn ich lag gut in der Zeit. Café creme in Belgien ist allerdings gewöhnungbedürftig! In Frankreich bedeutet das, dass der Kaffee Milch enthält und mit einer cremige Haube versehen ist. In diesem Café bekam ich einen sehr starken Kaffee mit einer Portion Dosenmilch dazu. Von Creme keine Spur. Nun ja, nicht mein Fall, aber gut zu wissen.

Während ich den Kaffee trank, checkte ich auf meinem Handy die nächsten Etappen. Ich wollte ja bis Namur fahren und von da auf den Eurovelo 5 nach Brüssel wechseln. Mit fast 400 Höhenmetern auf dieser Strecke eine Herausforderung für mich. Zufällig entdeckte ich auf einer Webseite die belgische Radwanderwege auflistete, dass es noch eine andere Möglichkeit gab, nach Brüssel zu fahren: Am alten Kanal Charleroi – Bruxelles entlang. Mir würden zwar dann die Sehenswürdigkeiten in Namur, Waterloo und Wavre entgehen, aber ich hätte eine leichte und kürzere Strecke vor mir. Meine Lunge würde es mir auf jeden Fall danken.

Ich setzte den Plan in die Tat um, suchte mir mit Komoot eine Strecke vom Café zum Kanal und erreichte ihn eine halbe Stunde später. Bis Luttre radelte ich noch und checkte auf dem dortigen Campingplatz ein. Je nachdem, wie sich das Wetter morgen und Freitag entwickelt – es sind heftige Gewitter angekündigt – fahre ich entweder Samstag weiter oder radele morgen noch eine Etappe. Der nächste Campingplatz liegt allerdings erst wieder vor Brüssel.

Von da aus habe ich zwei Möglichkeiten: Den alten Kanal bis Seneffe und entlang des Radwanderweges W4 über Mons nach Roubaix zu fahren, und anschließend auf dem Eurovelo 5 weiter nach Dunkerque, oder – wesentlich kürzer und ich käme schneller an die Küste und auf den Eurovelo 12 – von Brüssel aus weiter am Kanal bis Antwerpen. Das sind nur 58 Kilometer. Wäre auch wesentlich kürzer, um zur Küste zu gelangen. Fahre ich über den W4, bleibe ich bis Samstag hier, denn auf der gesamten Strecke bis Tournai habe ich dann keinen Campingplatz mehr. Die beiden, die Google mir dort listet, haben geschlossen. Die zwei Tage nutze ich dann zum Schreiben.

17. Mai 2022, Etappe von Fourmies nach Marpent

Die Pause auf dem Campingplatz in Fourmies habe ich gut genutzt. Wäsche gewaschen, Buch veröffentlicht, noch mal Ausrüstung ergänzt. Gepolsterte kurze Radlerhosen gab es beim Intersport wieder einmal nur für Männer. Ich habe stattdessen einfache Laufshorts gekauft, mal sehen, wie die sich beim Radeln tragen. Sie sind halt sehr kurz am Bein. Auch sonst gab es keinerlei Trekkingausrüstung zu kaufen. Ich hätte noch einen neuen Gaskocher gebraucht – mein alter wird nicht mehr lange halten – einen größeren Topf dazu und noch andere Kleinigkeiten. Mitte Mai sollte doch eigentlich schon Saison für solche Sachen sein. Scheinbar nicht.

In der Nacht schlief ich nicht gut, es war viel zu schwül dafür, aber die angekündigten Gewitter tobten sich woanders aus. Paris bekam eine ordentliche Dosis ab und in der Bretagne kam es zu Überschwemmungen. Hier: kein einziger Tropfen Regen. Zwar war ich um halb sechs in der Früh schon wach, aber leider schlief ich wieder ein, sodass ich den ersten Kaffee mit reichlicher Verspätung um acht Uhr trank. Bis ich dann alles wieder abgebaut, gepackt und am Fahrrad verstaut hatte, war es halb zwölf. Je nachdem, ob der anvisierte Platz etwa 6 Kilometer hinter Maubeuge auch tatsächlich geeignet war, hatte ich 52 Kilometer vor mir. Die anstrengendste Etappe war die vom Campingplatz über Fourmies bis nach Glageon. Da ging es nämlich stetig und teils sehr steil bergauf. Entsprechend kaputt war ich dann auch, als ich die letzte Steigung hinter mich gebracht hatte. Alle paar hundert Meter musste ich pausieren, damit ich wieder Luft bekam. Hinter Glageon wechselte der Radwanderweg von der Straße auf einen ehemaligen Schienenweg und verlief – dankenswerterweise – flacher und vor allem schön schattig. Hier gab es auch genug Picknickplätze zum rasten, wovon ich regen Gebrauch machte. Eilig hatte ich es nicht. Trotz des verspäteten Aufbruchs blieb mir genug Zeit. Es wurde ja erst spät dunkel. Von Liessies aus wurde das Gelände zusehends flacher, bis es in Richtung Maubeuge fast nur noch bergab ging. Für ein paar Fotos bog ich nach solre-le-Chateau ab. Der Kirchturm sieht aus, wie von einem Märchenschloss! In Ferrière-la-Grande gönnte ich mir eine Kaffeepause, fuhr anschließend gemütlich weiter. Bis jetzt war die Strecke wirklich sehr schön zu fahren gewesen und das blieb auch so. Der Radwanderweg führte ein Stück nach Maubeuge hinein, überquerte die Schienen und verlief dann an der La Sambre entlang, einem kleinen Flusslauf, der auf den nächsten Kilometern kanalisiert ist. Auf Höhe von Boussois stellte sich heraus, dass der anvisierte Picknickplatz umgebaut worden war. Die Kommune hatten ihn komplett aufgeschottert. Jetzt konnten dort nur noch Wohnmobile parken. Ich radelte also weiter. Weitere Kilometer legte ich zurück, aber nichts bot sich zum Übernachten an. Erst hinter Marpent fand ich einen Picknickplatz an einem kleinen Park mit Fitnessgeräten. Spuren von Wildschweinen habe ich keine entdecken können, also hoffe ich mal, dass ich heute Nacht keinen ungebetenen Besuch bekomme! Morgen geht es an der Sambre weiter und über die Grenze nach Belgien hinein. Geplant habe ich, bis Charleroi zu fahren und dort zu biwakieren. Donnerstag ist es dann nur noch eine kleinere Etappe bis Namur, wo ich wieder auf einen Campingplatz gehen kann. Für den Tag und Freitag sind schwere Gewitter angekündigt, eventuell bleibe ich also einen Tag da.

13. Mai 2022, Etappe von Étréaupont nach Fourmies

Über Nacht hatte es ganz schön abgekühlt, gerade mal 5 Grad maßen die Temperaturen heute früh, als ich aufstand. Dafür erwartete mich wieder Traumwetter mit Sonne pur, leichtem Wind und nur wenigen Wolken. In Anbetracht der Tatsache, dass ich auf den kommenden Etappen bis Namur vermutlich keinen Campingplatz mehr haben würde, und auch schlechteres Wetter angekündigt war, entschied ich mich, heute nur bis Fourmies zu fahren. Mit knapp 34 Kilometern zwar sehr kurz, aber, wie sich bald herausstellte, dafür recht anstrengend.

Zuerst jedoch radelte ich um 10:00 los und hatte bis Hirson eine schöne und leichte Strecke vor mir. Dort suchte ich mir ein Café und legte eine Pause zum Frühstücken ein, denn fast die Hälfte der Strecke war bereits geschafft. Ab Hirson aber lief der Radwanderweg nicht mehr an der Oise entlang, sondern wand sich durch einen großen Forstwald und Naherholungsgebiete. Schon in Hirson hatte ich einige heftige Steigungen zu bewältigen. Auf dem Abschnitt durch den Wald – immer noch der ehemalige Schienenweg – ging es richtig zur Sache und ich kam hübsch ins Schwitzen. Meine Lunge freute sich auch.

Über Anor ging es dann weiter nach Fourmies. Der anvisierte Campingplatz lag an einem großen See, etwa 2 Kilometer vor der Stadt. Das Gelände wurde endlich flacher und ich erreichte den Campingplatz um 16:00, eine Stunde später als ursprünglich angenommen. Mit 15,20 € für 2 Nächte inklusive Strom war der Platz sehr günstig, zudem gut ausgestattet, sehr gepflegt und in einer herrlichen Lage. Ich buchte bis Sonntag, dann wollte ich entscheiden, ob ich noch länger blieb oder nicht. Morgen radele ich ins Gewerbegebiet – unter anderem will ich zum Intersport – um noch fehlende Ausrüstung zu kaufen. Bis Namur sind es jetzt noch etwa 3 Tagesetappen.

12. Mai 2022, Etappe von Origny-Sainte-Benoite nach Étréaupont

Bereits um 08:00 brach ich wieder auf. Heute würde es mit 21 Grad nicht ganz so warm werden wie gestern, aber zum Radeln war es das perfekte Wetter. Das Etappenziel sollte der Camping Le Val D’Oise hinter Étréaupont sein, etwa 40 Kilometer Gesamtstrecke. Bis Guise folgte der Radwanderweg dem Flussverlauf, nahm gelegentlich einige sanfte Steigungen mit, war aber im Großen und Ganzen leicht zu fahren. Der Untergrund wechselte zwischen Schotter- und Asphalt. Landschaftlich boten Wiesen, Weiden, Äcker und viele Bäche, Flüsschen und Kanäle mit lichten Wäldern ein abwechslungsreiches Bild. Den Radwanderweg selbst bildete eine alte ehemalige Eisenbahntrasse. Davon kündeten in einige Orten noch die ursprünglichen Bahnhöfe, erbaut aus rotem Ziegel. In Guise wollte ich eigentlich eine längere Pause einlegen und mir das Schloss ansehen, doch war es mühsam, mit dem Gespann den Burgwall hochzukommen. Längere Zeit unbeaufsichtigt wollte ich es auch nicht weiter unten parken. Daher blieb es bei zwei Fotos von außen. Die Cafés, die offen hatten, lagen alle direkt an den beiden Hauptstraßen. Sehr gemütlich war das nicht, also trank ich bloß einen Kaffee und radelte weiter. Fast die gesamte Strecke bis zum Ziel – außer der Abschnitt durch Guise – war autofrei. Lauschige Picknickplätze boten sich für Pausen an, doch viele Radfahrer waren nicht unterwegs. Radwanderer traf ich nur einen heute, der in der Gegenrichtung unterwegs war. Alles in allem war es heute eine der schönsten Etappen auf dem Eurovelo 3. Gegen 15:00 traf ich auf dem Campingplatz ein, baute mein Zelt auf, ging duschen und hatte heute endlich auch mal wieder Zeit, mich meine Manuskript zu widmen. Die nächsten Etappen stehen zeitlich noch nicht fest, das hängt vom Wetter ab. Sonntag und Montag sind schwere Gewitter und viel Regen angekündigt. Morgen geht es auf eine kürzere Etappe nach Fourmies. Bis Sonntag bleibe ich auf dem dortigen Campingplatz und fahre am Samstag ins Gewerbegebiet zum Intersport, weil mir immer noch einige Sachen fehlen. Je nach Wetter fahre ich am Sonntag oder erst Dienstag weiter.

Zwischendurch kraulte ich zwei süẞen Langohren die Mähne!

11. Mai 2022, Etappe von Carlepont nach Origny-Sainte-Benoite

Die Pause hatte mir gutgetan und ich brach ausgeruht um 09:20 auf. Vorläufiges Etappenziel für heute sollte Ribemont sein, insgesamt – da ich noch nach Noyon reinfahren musste, um Vorräte einzukaufen – 56 Kilometer. Das meiste davon an Kanälen entlang. Von Carlepont bis zum Intermarché in Noyon und zurück kostete mich schon mal 1 ½ Stunden inklusive Einkaufen In einer Bar nicht weit vom Radwanderweg trank ich noch rasch einen Kaffee und frühstückte, dann ging es auf die eigentliche Strecke.

Sie war leicht und zügig zu fahren, bot aber landschaftlich wenig Aufregendes. Von Noyon weg lief der Radwanderweg neben dem Kanal her, fast immer schnurgeradeaus. Der Untergrund war beinahe durchgängig asphaltiert bis auf wenigen Abschnitten wo Schotter als Belag verwendet wurde. Keine Folterstrecke für mein Fahrrad also heute.

Wie auf den letzten Etappen auch, traf ich nur selten andere Radwanderer an, dafür viele Angelbegeisterte und Ausflügler. Das Wetter war mit 26 Grad, frischem, teils böigem, Wind und Sonne pur schlicht perfekt zum Radwandern. Es soll die nächsten Tage auch so bleiben. Das ist, seit ich 2018 die erste Radtour gemacht habe, der trockenste und wärmste Mai. Sonst war das immer der ungemütlichste Monat mit viel Regen, Wind und kühlen Temperaturen.

In Ribemont bog der Radwanderweg vom Kanal ab und führte durch den Ort und an Straßen entlang durch das Flusstal parallel zur Oise. Es gab ein paar leichtere Steigungen, bis ich Ribemont hinter mir gelassen hatte. Einen geeignete Platz zum Zelten hatte ich bis jetzt noch nicht gefunden. Erst kurz nach Origny-Sainte-Benoite, wo der Radwanderweg die Straße verließ und auf eine autofreien Strecke eine Siedlung durchquerte, wurde ich fündig. Zwei Frauen standen an einem Gartenzaun und unterhielten sich mit dessen Besitzer. Ich grüßte freundlich und fragte, ob sie einen Platz zum Zelten wüssten, da es bis zum nächsten Campingplatz – in Guise – für heute zu weit war.

„Sie können in meinem Garten übernachten“, bot mir der Mann, der auch einen Hund besaß, an. Gesagt, getan, er ließ mich mit dem Gespann rein und ich konnte mein Zelt unter einem Baum im Garten aufbauen. Wasser gab es auch, Strom brauchte ich heute keinen. Morgen geht es weiter in Richtung Belgien. Das Etappenziel für morgen ist Étréaupont zwischen Autreppes und Hirson. Dort gibt es einen günstigen Campingplatz. Etwa 40 Kilometer.