08. Mai 2022, Etappe von Lacroix-Saint-Quen nach Carlepont

Zwar hatte ich gut geschlafen, war aber immer noch müde. Ich brauchte dringend ein oder zwei Tage Pause. Es gab zwei mögliche Campingplätze, um Noyon herum. Der dritte, den ich eigentlich anfahren wollte – in Tergnier – hatte wegen Reparaturarbeiten bis Juni seine Tore geschlossen. Ich entschied mich schließlich für den Campingplatz Les Araucarias bei Carlepont. Er war am leichtesten vom Radwanderweg aus anzufahren. Bei dem anderen machten mich die vielen negativen Rezensionen bezüglich der mangelnden Sauberkeit in den sanitären Anlagen misstrauisch. Auf meiner Tour 2019 hatte ich schon einmal einen Campingplatz bei Marennes erwischt, in dem Kakerlaken in den Waschbecken herumkrabbelten. Ich bin wirklich nicht zimperlich, hab auch kein Problem mit diversen sechs- und achtbeinigen Mitgeschöpfen, die mir beim campieren in freier Natur nun mal begegnen, aber so etwas finde ich dann doch ekelig. Ich nahm mir für den ersten Kaffee des Tages Zeit und startete erst um 10:15 in Richtung Compiègne. Bis Carlepont waren es auch nur 32 Kilometer, die ich ganz gemütlich radelte. In Compiègne legte ich eine Kaffeepause ein und besichtigte dann das berühmte Schloss – restauriert von Napoleon I – welches einst die Familie der Bonapartes beherbergt hatte. Es wurde von Charles V erbaut. Gerne hätte ich auch die Räume besichtigt, aber ich wollte mein Fahrrad mitsamt dem Gepäck nicht so lange unbeaufsichtigt auf dem Parkplatz stehen lassen. Fahrrad und Anhänger kann ich abschließen, aber das Gepäck leider nicht. Schade, denn gerade die napoleonische Epoche finde ich äußerst spannend und interessant. Mein nächster historischer Roman wird Napoleon und die Schlacht von Waterloo zum Thema haben. Wenn ich mal Zeit habe, das Manuskript von 2011 zu überarbeiten.

Von Compiègne aus ging es weiter an der Oise entlang bis zur Gabelung, an der die Aisne abbiegt. Ab Choisy-en-Bac verließ der Radwanderweg die beiden Flüsse und führte wieder durch Wald. Es gab nur wenige Steigungen und die Piste war gut zu befahren. Über Saint-Leger-aux-Bois und Bailly erreichte ich schließlich um halb fünf den kleinen Campingplatz. Er liegt mitten im Wald und ist sauber und gepflegt. 3 Nächte kosten mich – ohne Strom – knapp 25 €. Mindestes auf den nächsten beiden Etappen liegen wieder keine Campingplätze in der Nähe des Radwanderweges, da werde ich diese 2 Tage hier nutzen, um mich zu erholen und mein aktuelles Manuskript – das eigentlich Ende April erscheinen sollte – fertigstellen. Noch eine kleine Anmerkung: Die Etappen seit Versailles hätten meine alten Reifen und das alte Hinterrad definitiv nicht mehr überstanden! Die Strecke war mehr eine Prüfstrecke für Mountainbikes als Tourenfahrräder gewesen. Schlaglochpisten, grober Schotter und am Fluss entlang lange Abschnitte, an denen Baumwurzeln den Asphalt hochgedrückt hatten, so dass es sich anfühlte, als würde man über ein einziges großes Reibeisen radeln! Die Reparatur war also ihr Geld wert gewesen, auch wenn es ein Riesenloch ins Budget gerissen hat.

07. Mai 2022, Etappe von Gressy nach Lacroix-St.-Quen

Nach einer ruhigen Nacht brach ich um 09:15 wieder auf. Die heutige Etappe sollte Richtung Compiègne gehen, wie weit, das hing vom Gelände ab. Hügelig würde es auf jeden Fall werden, aber ich hoffte, dass der Radwanderweg nicht allzu holprig werden würde. Die Route verlief abwechselnd an Straßen entlang und über Feld- und Waldwege. Teilweise waren das nur Fußwege, mit dem Anhänger schwierig zu befahren. Zudem nur selten asphaltiert.

Ein Dorf – Campans – durch das ich radelte, lag in der Einflugschneise des Flughafens Charles de Gaulles. Die Jumbojets flogen im 3-Minutentakt im Tiefflug über den kleinen Ort! Also so viel Geld könnte man mir gar nicht zahlen, dass ich da wohnen möchte.

Bis Ver-sur-Launette bremste das mein Reisetempo ziemlich, danach ging es fast schnurgerade aus durch den Wald, mit gelegentlichen Anstiegen, bis Senlis. Erst dort fand ich ein Café für eine Pause. Anschließend radelte ich weiter, auch der nächste Abschnitt führte durch den Wald und mündete in Pontpoint an der Oise. Da der Radwanderweg von hier aus noch einige Kilometer zurück und dann dem Flussbogen folgte, kürzte ich ab, indem ich an der Straße entlang weiterfuhr. Vor Rhuis traf ich wieder auf den Radweg. In Verberie konnte ich an einer Sportanlage meine Wasserflaschen auffüllen, bevor ich die nächsten Kilometer in Angriff nahm. Die zogen sich dann, obwohl die Strecke am Fluss wunderschön zu fahren war, aber ich wollte heute Abend nicht so spät erst mein Nachtlager aufschlagen. Also hielt ich Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz. Fündig wurde ich aber erst in Lacroix-St.-Quen, etwa 10 Kilometer vor Compiègne. Das hat den Vorteil, dass ich morgen eine kürzere Etappe nach Noyon zum Campingplatz habe. Je nach Preis, lege ich eine Pause von 2 oder 3 Tagen ein.

06. Mai 2022, Etappe von Versailles nach Gressy

Heute früh taten mir meine Füße immer noch weh, am liebsten hätte ich eine Tag Pause eingelegt, bevor ich auf die nächste Etappe startete, aber dafür war der Campingplatz in Versailles einfach zu teuer. Bis ich alles wieder gepackt und am Fahrrad verstaut hatte, zeigte die Uhr bereits halb elf. Die Strecke heute war eigentlich nicht lang, vom Startpunkt an der Seine bis zum voraussichtlichen Ziel Gressy waren es 47 Kilometer ohne nennenswerte Steigungen. Dazu kam noch die Strecke von Versailles. Ich hatte mich für eine andere Route zurück an die Seine entschieden, die zwar entlang einer Hauptstraße verlief, dafür aber kaum Steigungen aufwies. Sie würde mich nach Sevres führen, weiter oben am Fluss. Zuerst lief auch alles glatt, ich legte die knapp 8 Kilometer zügig zurück, kaufte unterwegs noch Vorräte ein. Als ich aber die Brücke überquert hatte, stellte ich fest, dass es schwierig werden würde, von hier aus auf den Radweg zu gelangen, auf dem ich nach Versailles gefahren war. Es gab keine Abfahrt dorthin, also steuerte ich die nächste Brücke an, die auch als Radweg ausgewiesen war. Nur, dass man am anderen Ende vor eine Treppe stand. Es gab sogar ein Schild, welches darauf hinwies, dass man hier sein Fahrrad tragen müsste. No shit, Sherlock. Vor mich hin fluchend drehte ich daher wieder um und radelte bis zur nächste Brücke. Da endlich gelangte ich zurück auf den Radweg, auf dem ich bis hinter Notre Dame de Paris bleiben würde. Dahinter bog der Eurovelo 3 dann in Richtung Bondy ab. Ich nahm mir noch die Zeit, einige Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, an denen ich bislang noch nicht vorbeigekommen war, wie zum Beispiel den Invalidendom und den Eiffelturm. Notre Dame war komplett eingerüstet und mit dem Fahrrad durfte man ohnehin nicht direkt hinfahren – alles war abgesperrt und nur für Fußgänger freigegeben – also ließ ich die Kathedrale aus. Prompt verfuhr ich mich auch noch, geriet versehentlich auf die Strecke nach Corbeil-Essonnes zurück – die Ausschilderung war mal wieder mehr als dürftig – und es kostete mich einiges an Zeit, bis ich wieder auf der richtigen Route unterwegs war. Endlich kam dann auch der Kanal in Sicht, an dem der Radwanderweg bis Claye-Sully entlangführte. Erst noch einige Kilometer an der Straße, danach aber wunderbar ausgebaut und asphaltiert direkt am Kanal. Dass verleitete etliche andere Radfahrer, hier zu rasen wie die Bekloppten, und das obwohl auch genug Passanten mit Kind, Kegel und Hund unterwegs war. Mehrfach musste ich hart abbremsen, besonders da, wo der Radweg unter den zahlreichen Brücken hindurchführte, dabei schmaler wurde. Dazu noch Fußgänger, die in Kette auf dem Radweg laufen, obwohl parallel dazu ein separater ausgebauter Fußweg ist. Und böse gucken, wenn ich klingele, damit sie mich vorbeilassen. Zweimal musste ich absteigen und mich zu Fuß vorbeischieben, weil sie einfach nicht zur Seite gingen. Nett. Die Strecke führte hinter Sevran schön durch einen Wald hindurch, kehrte dann an den Kanal zurück und blieb dort bis zur Brücke, die Gressy und Claye-Souilly trennte. Hinter Gressy gab es – laut meiner Karte – einen Picknickplatz, an dem ich zelten wollte, doch fand ich schon vorher einen geeigneten Platz noch am Kanal. Das war mir sehr recht, denn es war schon spät, die Sonne sank bereits und ich war fix und alle. Paris ist toll, aber eben doch eine Großstadt und das stresst mich eben immer enorm. Ab morgen führt der Radwanderweg an kleinen Straßen entlang durch hügeliges Gelände. Geplantes Etappenziel: Ermenonville.

05. Mai 2022, Versailles Teil 2

Nun war heute also das berühmteste Schloss der Welt dran: Versailles! Mittelpunkt der Welt von Louis IV und seines riesigen Hofstaates. Viel gelesen habe ich über dieses Bauwerk. Nicht nur die architektonische Historie ist so interessant wie spannend. Noch mehr fasziniert mich die Geschichte der Menschen, die darin gelebt und gearbeitet haben, teils auch dort gestorben sind. Vom König selbst bis herunter zum geringsten Dienstboten: Sie haben einst das Schloss bevölkert. Geht man heute durch die Säle, Räume und Gemächer, so sieht man ein prachtvolles, aber totes Museum. Man kann sich kaum vorstellen, dass dort – in seiner Glanzzeit – mehr als 3000 Menschen gelebt haben. Im Schloss herrschte drangvolle Enge, weitaus mehr als heute durch Touristenströme. Apropos Touristen: Heute tummelten sich von ihnen mehr als gestern, doch es war noch erträglich. Problematisch wurde es für mich, als es in einigen Räumen eng wurde, weil mehrere geführte Gruppen dort alles blockierten. Ich vertrage wegen meines Autismus keinen Körperkontakt oder Menschenmengen. Zwei leichtere Panikattacken zwangen mich zu einer Pause auf einer der Ruhebänke, die praktischerweise ab und zu vorhanden waren.

Davon abgesehen war es für mich bereits das Highlight in diesem Jahr, das Schloss zu besichtigen. Allein diese wundervollen prächtigen Gemälde an Decken und Wänden! Möbel gab es hingegen nicht so viele zu bewundern. Richtig prachtvoll ausstaffiert waren die königliche Schlafgemächer mit Himmelbett und allem. Viele Marmorbüsten – und Statuen von Königen, Adeligen, dem Klerus und berühmten Schriftstellern, Künstlern und Architekten schmückten die Gänge. Um wirklich alles zu sehen, bräuchte man vermutlich ganze Tage!

Besonders angetan hatten es mir – aus historischem Interesse – die Räume und Gänge, die sich mit der napoleonischen Zeit beschäftigten. Prachtvolle Schlachtengemälde aller französischen Könige und Kaiser hingen in der Galerie des Batailles. Das war der letzte Teil auf der Besichtigungstour, bevor es wieder ins Freie ging. Draußen gönnte ich meinen Füßen und Nerven eine Pause, dann machte ich mich auf den Weg in den Garten.

Leider waren alle Brunnen – bis auf das Bassin de Mirroir – abgestellt, der Neptunbrunnen sogar komplett demontiert. Sehr schade. Es gab auch wenig an Blumen zu sehen im Vergleich zu den Gärten am Trianon. Diesen Rundgang absolvierte ich daher wesentlich schneller und verließ Château Versailles um halb drei. Um halb zehn hatte ich mit der Tour begonnen. Mein Fahrrad hatte ich davor noch zur Reparatur gebracht, dass konnte ich um 6 dann abholen. Neues Hinterrad, neue Reifen, neuer vorderer Bremszug, einen Komplettcheck und alles neu eingestellt: 300 €! Puuh. Gott sei Dank – ich bin wohl etwas blass geworden – bot mir der Inhaber der Werkstatt an, die Summe in 2 Raten zahlen zu können. Dafür ist mein Fahrrad jetzt wie neu und die verbauten Materialen qualitativ hochwertig. Morgen starte ich auf die nächsten Etappen des Eurovelos 3 weiter in Richtung Belgien.

04. Mai 2022, Versailles Teil 1 – Grand Trianon, Petit Trianon, Englischer und französischer Garten und das Hameau de Reine.

Mit dem Fahrrad radelte ich die knapp 4 Kilometer bis zum Château Versailles, parkte dort und machte mich dann auf den Weg zu Fuß zu meinen heutigen Zielen: Grand- und Petit Trianon und die Gärten. Erst aber ging es durch den riesigen Park. Ich konnte mir Zeit lassen, denn die beiden Schlösschen waren ab 12 Uhr offen für die Besichtigung. Anfang Mai war der Ansturm von Touristen noch nicht riesig, mir gelangen daher etliche Fotos ohne nervige Personen darin. Mit dem Petit Trianon machte ich den Anfang. Die Tour durch die Räume war schnell erledigt, danach besuchte ich die Gärten.

Der englische Garten war wunderschön angelegt mit teils alten Bäumen darin. Zum Beispiel eine 30 Meter hohe Platane, die 1798 gepflanzt wurde! Auch die Bäche und Flüsschen, Blumenbeete und viel grüner Rasen, bestanden mit Bäumen und Büschen, trugen zu dem schönen Gesamtbild bei. Auf schmalen gewundenen Wegen gelangte ich zum Hameau de la Reine, ein kleines Dorf, welches sich Marie Antoinette hatte errichten lassen, um darin die Rolle der naturverbundenen Schäferin zu spielen, wenn ihr das Protokoll im Château zu viel wurde.

Tiere gibt es auch heute noch dort. Schafe, Ziegen, Hasen und sogar Meerschweinchen tummelten sich in ihren gepflegten Gehegen. Die alten Häuschen mit ihren Dächern aus Riedgras und aus Fachwerk und Bruchsteinen erbaut, bildeten wahre Schmuckstücke inmitten dieses Idylls. Leider war der Miniatursee abgepumpt. In einem großen Bogen zurück steuerte ich das Grand Trianon an. Hier waren deutlich mehr Touristen, die sich durch die Räume drängten. Ich wartete, bis die größte Gruppe mit ihrer Besichtigung durch war und schlenderte anschießend selbst durch die prachtvoll ausgestatteten Zimmer und Flure. Hier hatten nicht nur Marie Antoinette und ihr Gemahl, Ludwig IV gewohnt. Auch die Bonapartes und Louis Philipp, der Bürgerkönig, richteten sich hier für eine Weile häuslich ein. Das resultierte in verschiedenen Einrichtungsstilen von Barock bis Belle Époque.

Danach ging es noch durch den französischen Garten, der im barocken Stil zurechtgestutzt war und einen großen Kontrast zum englischen, mehr naturbelassenen Garten, bot. Schön sind beide. Mit mehr als 130 Fotos – leider nur mit dem Handy geknipst, meine Kamera gibt wohl doch allmählich den Geist auf – machte ich mich auf den Weg zurück und gelangte über den Neptunbrunnen wieder auf den Schlossplatz. In einem Café gönnte ich mir einen Kaffee und meinen Füßen eine Pause. Anschließend kaufte ich noch ein paar Lebensmittel ein und suchte ein Fahrradgeschäft auf. Mit dem Inhaber vereinbarte ich für morgen früh, wenn ich das Château besichtige, dass er das Hinterrad komplett austauscht und einen allgemeinen Check durchführt. Schließlich liegen noch etwa 3000 Kilometer vor uns, da will ich nicht, dass mein tapferer Drahtesel unterwegs zusammenbricht!

03. Mai 2022, Etappe von Ivry-sur-Seine nach Versailles

Das Hostel war derart ungemütlich, dass ich es vorzog, früh aufzubrechen und unterwegs zu frühstücken. Die Matratze im Bett des Frauenschlafsaals, eigentlich auch nur ein größeres Zimmer ohne Fenster, war durchgelegen – mir tat den Rest des Tages der Rücken weh – Toilette und Dusche nicht sehr sauber, auch die restliche Einrichtung wirkte ziemlich heruntergekommen. Das Foyer war eine Mischung aus Empfang und Aufenthaltsraum mit wackeligen Holztischen und Sitzgelegenheiten aus Sofas, die teilweise Brandlöcher und Risse hatten, aus denen die Füllung quoll, aufwiesen. Als ich am Abend noch dasaß und den Blogartikel schrieb, huschten sogar Mäuse vollkommen unbekümmert über den Boden! In der kleinen Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Vor dem Eingang lagen Müll und Zigarettenkippen. Also nein, mehr als eine Notlösung war dieses Hostel auf keinen Fall. Ich radelte auf eine anderen Strecke an die Seine und auf den Eurovelo 3 zurück, frühstückte in einer kleinen Bäckerei und dann ging es hinein nach Paris. Im letzten Jahr radelte ich zwar – von Le Havre kommend – durch diese Stadt, hatte aber nur wenig Zeit für Fotos. Diese Zeit nahm ich mir heute, denn den Pass konnte ich erst ab halb zwei abholen. Mein erster Anlaufpunkt war das Shoa-Denkmal und dann über den Centre Pompidou zur deutschen Botschaft. Alles zu Fuß, damit ich möglichst viel entdecken und fotografieren konnte. Natürlich reichte das nicht aus, um wirklich alles Interessante in Paris zu sehen! Dafür bräuchte es mindestens 2 Wochen. Abe auch so war es faszinierend. Immer wieder erstaunlich auch der Kontrast zwischen modern und historisch. Hier die wunderschöne barocke Architektur, die einem ständig begegnet, da die Hochhäuser mit ihren glatten Fassaden aus Beton und Glas. Belebte Hauptstraßen wechselten sich ab mit ruhigeren schmalen Gassen und Straßen. Viel Grün in Form von Dachgärten, Parks und Alleen.

Die deutsche Botschaft erreichte ich um 13:45 und bekam dort die Auskunft, dass ich zur Rechts- und Konsulatsabteilung fahren müsste, um meinen Pass abzuholen. Das Gebäude lag – natürlich – ganz woanders, knapp 4 Kilometer von hier entfernt. Das warf meinen Zeitplan etwas durcheinander. Zumal ich mich auch noch zweimal verfuhr und es viel bergauf ging. Endlich am Ziel angekommen, staunte ich nicht schlecht über die Warteschlange, die sich vor dem Portal gebildet hatte. Der Sicherheitsbeamte erklärte uns, dass es heute länger dauern könnte – ach was! – weil nur eine Passstelle geöffnet hätte. Fast eine Stunde Wartezeit, dann noch mal eine halbe Stunde, bis ich den neuen Ausweis in den Händen hielt. Ade, Zeitplan. Zwar waren es von hier nur noch etwa 18 Kilometer bis zum Camping in Versailles, aber ich wusste von meiner Radwandertour 2019 noch, dass es viele Kilometer bergauf ging. Damals war ich vom Seine-Radwanderweg über Malmaison nach Versailles gefahren. Heute radelte ich bis Meudon-sur-Seine am Fluss entlang – alles noch entspannt – aber danach kamen sie, die gefürchteten Steigungen. 220 Höhenmeter. Am Stück. Bis zum Wald von Meudon, da hatte ich den Scheitelpunkt erreicht und es ging bis Viroflay schön bergab. Durch den Ort durch wieder bergauf und auch noch bis zum Camping. Die Rezeption hatte zwar schon geschlossen, aber ich hatte zuvor angerufen, dass ich später kam und konnte einchecken, weil ich reserviert hatte. Der zugewiesene Zeltplatz erwies sich als Enttäuschung. Harter Boden, uneben und kein Strom, obwohl der eigentlich inklusiver sein sollte. 32 Euro dafür ist ganz schön happig. Müde und geschafft baute ich mein Zelt auf, ging duschen und dann war auch schon Feierabend für mich. Morgen besichtige ich den Park von Versailles und das Trianon, Donnerstag dann das Schloss selbst. Freitag geht es zurück an die Seine – ja, die Steigungen habe ich auch in der Gegenrichtung! – über Bondy nach Gressy. Etwa 47 Kilometer, je nachdem wo ich einen Schlafplatz finde. Campingplätze gibt es auf 4 Etappen keinen einzigen, erst wieder in Noyon.

02. Mai 2022, Etappe von Melun nach Ivry-sur-Seine

Dass es heute eine lange Etappe werden würde, wusste ich. Auch, dass sie nicht ganz einfach zu fahren sein würde. Aber dass ich – Pausen abgerechnet – fast 11 Stunden unterwegs sein würde, das hatte ich nicht auf dem Schirm! Ich brach um 08:40 auf und erreichte Corbeil-Essonnes punkt 12 Uhr Mittag. Das waren 28 Kilometer, die allerdings – wie ich schon zuvor schrieb – durch das holprige Terrain nur langsam zu bewältigen waren. Bevor ich startete, hatte ich mir den GPX Track der Etappe in Komoot geladen, weil mir vom letzten Jahr her die mangelhafte Ausschilderung noch gut im Gedächtnis verankert war. Da hatte ich mich 3 mal verfahren. Ich rechnete dahingehend also nicht mit bösen Überraschungen. Die hielt dann die Strecke selbst bereit, die ich zum ersten Mal fuhr. 2021 war ich nach dem dritten Irrweg einfach an der Straße entlang geradelt, und wechselte erst kurz vor Corbeil-Essonnes über die Brücke auf die andere Seite der Seine.

Diesmal folgte ich – nach einer Kaffeepause – der richtigen Route, was einige Kilometer lang auch gut funktionierte. Gefährlich wurde es einmal, als der Radweg die stark befahrene Straße aus Corbeil-Essonnes heraus kreuzte. Das war nämlich eine Autobahnzufahrt und der Übergang lag direkt hinter einer Kurve. Ich stand dort fast 5 Minuten, bevor ich endlich rüber konnte. Wie erwartet, war die Ausschilderung der Route so gut wie nicht vorhanden, mit Komoot fand ich aber dennoch meinen Weg. Das ständige Navigieren kostete jedoch Zeit und die Strecke verlief im Zickzack mal durch Parks und Naherholungsgebiete, mal durch Orte und Industriezonen. Der eigentliche Spaß begann aber hinter Grigny, als der Radwanderweg wieder an die Seine führte. Dort traf ich auf eine dieser unsäglichen Barrieren, durch die man sich allenfalls mit einem Fahrrad ohne Gepäck durchschlängeln konnte. Das große Tor hatte zwar einen Griff zum Hochklappen, mit dem man das normalerweise öffnen konnte, der war aber auf der anderen Seite mit einem Vorhängeschloss gesichert.

Ich koppelte den Anhänger ab und schob als erstes mein Fahrrad durch den mittleren Teil der Barriere. Das klappte auch ganz gut. Den Anhänger hätte ich irgendwie durch das linke Teil fädeln müssen, glücklicherweise kam ein anderer Radfahrer daher und half mir, den Anhänger drüber zu heben. Er meinte auf meine Frage hin auch, dass das große Tor normalerweise offen sei. Ich koppelte den Anhänger wieder an und fuhr weiter. Einige Kilometer weiter erwartete mich eine ähnliche Barriere, diesmal jedoch war das große Tor offen. Gott sei Dank. Der Radwanderweg führte nun durch ein Naherholungsgebiet, wo ich noch mal eine halbe Stunde Pause einlegte.

Der Eurovelo 3 sollte dahinter eigentlich über eine Brücke auf die andere Seite der Seine wechseln, doch hier gab es erneut eine Barriere, noch enger diesmal, und zudem steile Treppen. Da war für mich kein Weiterkommen möglich. Ich drehte also um und radelte alles zurück, bis ich eine Straße fand, die durch Vigneux-sur-Seine führte. Von da aus navigierte ich mit Komoot zur nächsten Brücke. Entlang der Route National ging es erst über einen Nebenfluss der Seine und anschließend auf der zweiten Brücke über die Seine nach Ablon-sur-Seine, wo ich wieder auf dem Eurovelo 3 ankam. Mittlerweile war klar, dass ich wesentlich später am Hostel in Ivry-sur-Seine eintreffen würde als geplant. Zumindest ging es jetzt deutlich zügiger voran und Umwege musste ich auch keine mehr fahren.

Mit Komoot navigierte ich vom Radwanderweg die letzten 3 Kilometer zum Hostel in Ivry-sur-Seine und erreichte mein Etappenziel um 09:15. Müde checkte ich ein, duschte kurz und aß etwas. Morgen wird es entspannter, denn nach Versailles ist es nicht so weit. Ich muss zurück an die Seine und an ihr entlang, so wie ich letztes Jahr auch gefahren bin. In Boulogne-Billancourt wechsele ich dann auf den Radweg nach Versailles. Zwischendurch hole ich noch meinen neuen Pass an der deutschen Botschaft ab.

01. Mai 2022, Etappe von Grez-sur-Loing nach Melun

Mainächte können auch noch hübsch frisch werden! 4 Grad hatte es heute früh, als ich um 06:00 aus dem Schlafsack kroch. Die heutige Etappe wird, wie gestern, etwa 47 Kilometer betragen. Ich wollte nicht zu spät aufbrechen, damit ich mich nicht abhetzen musste. Um 9:00 startete ich auf die Strecke. Sie führte über Moret-Loing-et-Orvanne, wo ich eine Kaffeepause einlegte, Saint-Mammes und durch den Wald von Fontainebleau nach Melun. Der Radwanderweg verlief entlang des Canal du Loing auf einem sogenannten Chemin du Halage, das sind ehemalige Treidelpfade. Der Untergrund wechselte daher auch zwischen grobem – nicht gut für die Reifen – Schotter, feinem Kies und Asphalt. Vor Moret-Loing-et-Orvanne kam spitzer Schotter hinzu, sodass ich sehr vorsichtig fuhr, beziehungsweise das Fahrrad schob.

In Saint-Mammes mündeten Kanal und der Fluss Loing in die Seine. Es ging über eine Brücke und dann durch einen lichten Wald entlang der Seine. Hier schob ich meinen Drahtesel ebenfalls einige Kilometer aufgrund des schlechten Untergrunds. Ab Samoreau war der Radwanderweg wieder asphaltiert und führte durch ein Naherholungsgebiet. Schönes Wetter, ein Feiertag beziehungsweise Wochenende .., kurzum, es war alles los, was nicht angebunden war! Ich machte noch eine Pause von zwanzig Minuten an einem Picknickplatz, um etwas zu trinken. Wasser ist enorm wichtig und leider versäume ich es oft genug, reichlich davon zu trinken.

Durch den Wald von Blois-le-Roi ging es dann weiter auf Melun zu. Dieser letzte Abschnitt vor dem Ziel wies die schon früher erwähnten Schlaglöcher und Bodenwellen auf. Die betonierten Buckel sollen Autofahrer zwingen, Schrittgeschwindigkeit zu fahren und wer sein Auto liebt, der tut das auch! Diese Boden wellen sind echt tückisch. Nun haben sich die Stadtplaner wohl gedacht, für die Radfahrer lassen wir in der Mitte eine Lücke, damit die nicht ständig über die sich alle paar hundert Meter befindenden Buckel hüpfen müssen. Gute Idee, aber mit einem 2rädrigen Anhänger nicht machbar. Die Gefahr, dass ein Rad an einer Bodenwelle links oder rechts hängenbleibt und der Anhänger umkippt, ist zu groß. Also radelte ich über die Buckel. So wie Stachelschweine Liebe machen. Gaaanz langsam und vorsichtig. Oder ich stieg ab und schob das Fahrrad. Immerhin hatte sich so genug Muße, die wunderschönen alten Häuser und Villen zu fotografieren, die entlang der Straße standen.

Den Campingplatz erreichte ich um 16:45. Er liegt direkt am Radweg und an der Seine, etwa 1 Kilometer vor Melun. Im September 2021 übernachtete ich hier schon einmal, als ich die Strecke in der Gegenrichtung befuhr. 9 € und Strom bekam ich gratis dazu, da kann man nicht meckern. Morgen wird es stressiger. Knapp 70 Kilometer sind bis zum Hostel in Ivry-sur-Seine zu fahren und bis Corbeil-Essonnes erwarten mich die gleichen Tücken wie heute schon. Ich werde also morgen auch spätestens um 9:00 aufbrechen.

30. April 2022, Etappe von Montargis nach Grez-sur-Loing

Heute Morgen wollte ich den neuen Reifen aufziehen – und musste feststellen, dass er nicht passte! Obwohl er mit 28 Zoll markiert war, war er kleiner als der alte Reifen. Entweder war das Etikett falsch oder es gibt auch bei 28 Zoll noch Unterschiede, keine Ahnung. Ich hatte den Verkäufer beim Intersport ja extra noch gefragt. Lust, erneut ins Gewerbegebiet zu gondeln hatte ich nicht, es hätte auch meinen gesamten Zeitplan durcheinandergebracht. Daher schrieb ich die 20 € ab und schenkte den Reifen dem Mann an der Rezeption, mit der Bitte, ihn jemandem zu geben, der ihn gebrauchen konnte. Damit ich nicht noch weiter auf dem angefahrenen Reifen radelte, tauschte ich den kaum verschlissenen Vorderreifen mit dem hinteren einfach aus. Das erforderte schon etwas Zeit, was hieß, dass ich erst um 11 Uhr startete, als wie geplant um 10:00.

Von den neuen Sachen, die ich gestern gekauft habe, erwiesen sich vor allem die selbstaufblasende Matte – Forglaz – und der Laptop-Rucksack – Quechua – als guter Kauf. Die Matte nimmt extrem wenig Platz weg, ist binnen einer Minute aufgeblasen und polstert ganz hervorragend auch bei härteren Böden. Die neue Powerbank habe ich noch nicht getestet, aber bereits aufgeladen. Der Rucksack sitzt super und ich spüre ihn kaum.

Ich brach also recht spät auf und fuhr auch noch bei einem Supermarkt vorbei, weil ich beim Aldi nicht alles bekommen hatte, was ich brauchte. Außerdem gönnte ich mir noch einen Kaffee und ein Croissant in einer Bäckerei. Schlussendlich war es Mittag, als ich auf die Strecke fuhr.

Die Route führte komplett am Kanal entlang, war entspannt zu fahren und die Etappe mit 44 Kilometern auch nicht zu lang. Gestern Abend war ich so platt, dass ich nichts mehr am aktuellen Manuskript geschrieben hatte, das wollte ich heute nachholen. Die Piste wechselte immer wieder ab zwischen feinem Schotter – gut zu fahren, Asphalt und – auf einem Abschnitt – Kies. Weniger gut zu fahren. Dass es noch früh in der Saison ist, zeigte sich an den wenigen Radwanderern, die ich traf. Wobei der Eurovelo 3 auch nicht so frequentiert wird wie beispielsweise die La Vélodyssée. Den Eurovelo 3 möchte ich irgendwann – mit einem guten Fahrrad! – komplett radeln. Er führt von Trondheim in Norwegen nach Saint-Jaques-de-Compostelle in Spanien und ist über 5000 Kilometer lang!

Bis etwa 13 Uhr zeigte sich der Himmel eher bedeckt, doch dann lockerten sich die Wolken auf. Mit 17 Grad blieb es 3 Grad kühler als gestern, zudem blies ein frischer Wind aus Norden. Also kein T-Shirt-Wetter heute. Ich legte nur kurze Pausen ein, um etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, fuhr ansonsten zügig durch und erreichte den Campingplatz um 17:00. Schon im letzten Jahr, im September, hatte ich hier übernachtet. Heute aber war der Platz für die Zelte schon fast komplett belegt und ich landete auf einem Platz nahe der Straße. Nicht so schön, weil laut, aber es ist ja nur für eine Nacht. Morgen habe ich eine ähnlich lange Etappe bis Melun.

29. April 2022, Etappe von Ouzouer-sur-Trézée

Ursprünglich hatte ich ja geplant, heute bis Montargis zu fahren und Samstag einen Tag Pause zu machen, um die benötigte Ausrüstung neu zu kaufen beziehungsweise zu ersetzen, was kaputt war. Dummerweise unterlief mir bei der Etappenplanung ein grober Fehler. Ich hatte schlicht eine Etappe übersehen, was bedeutete, dass ich alles heute erledigen musste. Aus dem gemütlichen Radeln bis Montargis wurde also nichts. Ich startete um 10:00 und trat zügig in die Pedale, denn ich wollte spätestens um 16:00 am Campingplatz sein, damit noch genug Zeit blieb, um ins Gewerbegebiet zu fahren, wo Decathlon, Intersport und die anderen Geschäfte lagen.

Bis Rogny-les-Sept-Écluses klappte das auch wunderbar. Danach schlängelte sich die Route allerdings nicht mehr am Kanal entlang, sondern verlief oberhalb und parallel dazu durch die hügelige Landschaft. Diesen Teil der Strecke hatte ich noch gut vom September 2021 in Erinnerung, als ich sie in der Gegenrichtung befahren hatte. In Dammarie-sur-Loing traf der Radweg wieder auf den Kanal. Ab da war er angenehm zu fahren und ich konnte wieder etwas mehr Tempo machen.

Vom Start bis etwa 13:00 blieb es bewölkt und es tröpfelte vereinzelt sogar, doch später schaffte es die Sonne doch noch durch die Wolken und es wurde schön. Vor Montargis hatte ich zwei Möglichkeiten: Vom Radwanderweg aus direkt ins Gewerbegebiet zu radeln und anschließend auf den Campingplatz, oder erst auf den Campingplatz, Zelt aufbauen und dann ohne das ganze Gepäck zum Einkaufen fahren. Ich entschied mich für das zweite, weil ich gerne noch duschen wollte, bevor ich mich in die Geschäfte stürzte.

Der Campingplatz selbst liegt etwas außerhalb von Montargis und ist mit dem Fahrrad nicht einfach zu erreichen. Die Radstreifen entlang der Hauptstraße sind ein Witz, vor allem, wenn die Autofahrer mit ihren Karren dann auch noch halb darauf fahren! Entsprechend stressig war dann auch der Weg ins Gewerbegebiet. Insgesamt brauchte ich für die 14 Kilometer hin und zurück, sowie fürs Einkaufen selbst fast 4 Stunden. Danach war ich fix und alle und hatte rasende Kopfschmerzen, wie immer, wenn ich Stadtverkehr bewältigen muss.

Leider habe ich auch nicht alles von dem kaufen können, was auf meiner Liste stand. Sowohl Decathlon als auch Intersport boten kaum Material für Trekking an. Campingzelte gab es nur die großen ab 4 Personen aufwärts. Ich bekam eine neue selbstaufblasende Schlafmatte – die andere ich vor Aufbruch verschenkt, weil sie zu viel Platz im Anhänger wegnahm – und neue Reifen. Kurze Radsporthosen gab es nur für Männer und Kinder. Dafür fand ich einen Laptop-Rucksack mit Rolltop und viel Platz für mein mobiles Büro. Der alte Rucksack ist nur ein einfacher Trekkingrucksack und nach 3 Touren schon ziemlich mitgenommen. Im Darty kaufte ich noch einen Miniwasserkocher und eine zweite Powerbank. Dienstag komme ich in Paris noch an einem Decathlon vorbei, vielleicht bekomme ich dort ein Zelt, solange muss das jetzige noch halten.

Heute geht es auf eine kürzere Etappe bis hinter Nemours, morgen dann nach Melun und Montag auf eine längere bis zum Hostel in Ivry-sur-Seine.