05. Mai 2022, Versailles Teil 2

Nun war heute also das berühmteste Schloss der Welt dran: Versailles! Mittelpunkt der Welt von Louis IV und seines riesigen Hofstaates. Viel gelesen habe ich über dieses Bauwerk. Nicht nur die architektonische Historie ist so interessant wie spannend. Noch mehr fasziniert mich die Geschichte der Menschen, die darin gelebt und gearbeitet haben, teils auch dort gestorben sind. Vom König selbst bis herunter zum geringsten Dienstboten: Sie haben einst das Schloss bevölkert. Geht man heute durch die Säle, Räume und Gemächer, so sieht man ein prachtvolles, aber totes Museum. Man kann sich kaum vorstellen, dass dort – in seiner Glanzzeit – mehr als 3000 Menschen gelebt haben. Im Schloss herrschte drangvolle Enge, weitaus mehr als heute durch Touristenströme. Apropos Touristen: Heute tummelten sich von ihnen mehr als gestern, doch es war noch erträglich. Problematisch wurde es für mich, als es in einigen Räumen eng wurde, weil mehrere geführte Gruppen dort alles blockierten. Ich vertrage wegen meines Autismus keinen Körperkontakt oder Menschenmengen. Zwei leichtere Panikattacken zwangen mich zu einer Pause auf einer der Ruhebänke, die praktischerweise ab und zu vorhanden waren.

Davon abgesehen war es für mich bereits das Highlight in diesem Jahr, das Schloss zu besichtigen. Allein diese wundervollen prächtigen Gemälde an Decken und Wänden! Möbel gab es hingegen nicht so viele zu bewundern. Richtig prachtvoll ausstaffiert waren die königliche Schlafgemächer mit Himmelbett und allem. Viele Marmorbüsten – und Statuen von Königen, Adeligen, dem Klerus und berühmten Schriftstellern, Künstlern und Architekten schmückten die Gänge. Um wirklich alles zu sehen, bräuchte man vermutlich ganze Tage!

Besonders angetan hatten es mir – aus historischem Interesse – die Räume und Gänge, die sich mit der napoleonischen Zeit beschäftigten. Prachtvolle Schlachtengemälde aller französischen Könige und Kaiser hingen in der Galerie des Batailles. Das war der letzte Teil auf der Besichtigungstour, bevor es wieder ins Freie ging. Draußen gönnte ich meinen Füßen und Nerven eine Pause, dann machte ich mich auf den Weg in den Garten.

Leider waren alle Brunnen – bis auf das Bassin de Mirroir – abgestellt, der Neptunbrunnen sogar komplett demontiert. Sehr schade. Es gab auch wenig an Blumen zu sehen im Vergleich zu den Gärten am Trianon. Diesen Rundgang absolvierte ich daher wesentlich schneller und verließ Château Versailles um halb drei. Um halb zehn hatte ich mit der Tour begonnen. Mein Fahrrad hatte ich davor noch zur Reparatur gebracht, dass konnte ich um 6 dann abholen. Neues Hinterrad, neue Reifen, neuer vorderer Bremszug, einen Komplettcheck und alles neu eingestellt: 300 €! Puuh. Gott sei Dank – ich bin wohl etwas blass geworden – bot mir der Inhaber der Werkstatt an, die Summe in 2 Raten zahlen zu können. Dafür ist mein Fahrrad jetzt wie neu und die verbauten Materialen qualitativ hochwertig. Morgen starte ich auf die nächsten Etappen des Eurovelos 3 weiter in Richtung Belgien.

04. Mai 2022, Versailles Teil 1 – Grand Trianon, Petit Trianon, Englischer und französischer Garten und das Hameau de Reine.

Mit dem Fahrrad radelte ich die knapp 4 Kilometer bis zum Château Versailles, parkte dort und machte mich dann auf den Weg zu Fuß zu meinen heutigen Zielen: Grand- und Petit Trianon und die Gärten. Erst aber ging es durch den riesigen Park. Ich konnte mir Zeit lassen, denn die beiden Schlösschen waren ab 12 Uhr offen für die Besichtigung. Anfang Mai war der Ansturm von Touristen noch nicht riesig, mir gelangen daher etliche Fotos ohne nervige Personen darin. Mit dem Petit Trianon machte ich den Anfang. Die Tour durch die Räume war schnell erledigt, danach besuchte ich die Gärten.

Der englische Garten war wunderschön angelegt mit teils alten Bäumen darin. Zum Beispiel eine 30 Meter hohe Platane, die 1798 gepflanzt wurde! Auch die Bäche und Flüsschen, Blumenbeete und viel grüner Rasen, bestanden mit Bäumen und Büschen, trugen zu dem schönen Gesamtbild bei. Auf schmalen gewundenen Wegen gelangte ich zum Hameau de la Reine, ein kleines Dorf, welches sich Marie Antoinette hatte errichten lassen, um darin die Rolle der naturverbundenen Schäferin zu spielen, wenn ihr das Protokoll im Château zu viel wurde.

Tiere gibt es auch heute noch dort. Schafe, Ziegen, Hasen und sogar Meerschweinchen tummelten sich in ihren gepflegten Gehegen. Die alten Häuschen mit ihren Dächern aus Riedgras und aus Fachwerk und Bruchsteinen erbaut, bildeten wahre Schmuckstücke inmitten dieses Idylls. Leider war der Miniatursee abgepumpt. In einem großen Bogen zurück steuerte ich das Grand Trianon an. Hier waren deutlich mehr Touristen, die sich durch die Räume drängten. Ich wartete, bis die größte Gruppe mit ihrer Besichtigung durch war und schlenderte anschießend selbst durch die prachtvoll ausgestatteten Zimmer und Flure. Hier hatten nicht nur Marie Antoinette und ihr Gemahl, Ludwig IV gewohnt. Auch die Bonapartes und Louis Philipp, der Bürgerkönig, richteten sich hier für eine Weile häuslich ein. Das resultierte in verschiedenen Einrichtungsstilen von Barock bis Belle Époque.

Danach ging es noch durch den französischen Garten, der im barocken Stil zurechtgestutzt war und einen großen Kontrast zum englischen, mehr naturbelassenen Garten, bot. Schön sind beide. Mit mehr als 130 Fotos – leider nur mit dem Handy geknipst, meine Kamera gibt wohl doch allmählich den Geist auf – machte ich mich auf den Weg zurück und gelangte über den Neptunbrunnen wieder auf den Schlossplatz. In einem Café gönnte ich mir einen Kaffee und meinen Füßen eine Pause. Anschließend kaufte ich noch ein paar Lebensmittel ein und suchte ein Fahrradgeschäft auf. Mit dem Inhaber vereinbarte ich für morgen früh, wenn ich das Château besichtige, dass er das Hinterrad komplett austauscht und einen allgemeinen Check durchführt. Schließlich liegen noch etwa 3000 Kilometer vor uns, da will ich nicht, dass mein tapferer Drahtesel unterwegs zusammenbricht!

03. Mai 2022, Etappe von Ivry-sur-Seine nach Versailles

Das Hostel war derart ungemütlich, dass ich es vorzog, früh aufzubrechen und unterwegs zu frühstücken. Die Matratze im Bett des Frauenschlafsaals, eigentlich auch nur ein größeres Zimmer ohne Fenster, war durchgelegen – mir tat den Rest des Tages der Rücken weh – Toilette und Dusche nicht sehr sauber, auch die restliche Einrichtung wirkte ziemlich heruntergekommen. Das Foyer war eine Mischung aus Empfang und Aufenthaltsraum mit wackeligen Holztischen und Sitzgelegenheiten aus Sofas, die teilweise Brandlöcher und Risse hatten, aus denen die Füllung quoll, aufwiesen. Als ich am Abend noch dasaß und den Blogartikel schrieb, huschten sogar Mäuse vollkommen unbekümmert über den Boden! In der kleinen Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Vor dem Eingang lagen Müll und Zigarettenkippen. Also nein, mehr als eine Notlösung war dieses Hostel auf keinen Fall. Ich radelte auf eine anderen Strecke an die Seine und auf den Eurovelo 3 zurück, frühstückte in einer kleinen Bäckerei und dann ging es hinein nach Paris. Im letzten Jahr radelte ich zwar – von Le Havre kommend – durch diese Stadt, hatte aber nur wenig Zeit für Fotos. Diese Zeit nahm ich mir heute, denn den Pass konnte ich erst ab halb zwei abholen. Mein erster Anlaufpunkt war das Shoa-Denkmal und dann über den Centre Pompidou zur deutschen Botschaft. Alles zu Fuß, damit ich möglichst viel entdecken und fotografieren konnte. Natürlich reichte das nicht aus, um wirklich alles Interessante in Paris zu sehen! Dafür bräuchte es mindestens 2 Wochen. Abe auch so war es faszinierend. Immer wieder erstaunlich auch der Kontrast zwischen modern und historisch. Hier die wunderschöne barocke Architektur, die einem ständig begegnet, da die Hochhäuser mit ihren glatten Fassaden aus Beton und Glas. Belebte Hauptstraßen wechselten sich ab mit ruhigeren schmalen Gassen und Straßen. Viel Grün in Form von Dachgärten, Parks und Alleen.

Die deutsche Botschaft erreichte ich um 13:45 und bekam dort die Auskunft, dass ich zur Rechts- und Konsulatsabteilung fahren müsste, um meinen Pass abzuholen. Das Gebäude lag – natürlich – ganz woanders, knapp 4 Kilometer von hier entfernt. Das warf meinen Zeitplan etwas durcheinander. Zumal ich mich auch noch zweimal verfuhr und es viel bergauf ging. Endlich am Ziel angekommen, staunte ich nicht schlecht über die Warteschlange, die sich vor dem Portal gebildet hatte. Der Sicherheitsbeamte erklärte uns, dass es heute länger dauern könnte – ach was! – weil nur eine Passstelle geöffnet hätte. Fast eine Stunde Wartezeit, dann noch mal eine halbe Stunde, bis ich den neuen Ausweis in den Händen hielt. Ade, Zeitplan. Zwar waren es von hier nur noch etwa 18 Kilometer bis zum Camping in Versailles, aber ich wusste von meiner Radwandertour 2019 noch, dass es viele Kilometer bergauf ging. Damals war ich vom Seine-Radwanderweg über Malmaison nach Versailles gefahren. Heute radelte ich bis Meudon-sur-Seine am Fluss entlang – alles noch entspannt – aber danach kamen sie, die gefürchteten Steigungen. 220 Höhenmeter. Am Stück. Bis zum Wald von Meudon, da hatte ich den Scheitelpunkt erreicht und es ging bis Viroflay schön bergab. Durch den Ort durch wieder bergauf und auch noch bis zum Camping. Die Rezeption hatte zwar schon geschlossen, aber ich hatte zuvor angerufen, dass ich später kam und konnte einchecken, weil ich reserviert hatte. Der zugewiesene Zeltplatz erwies sich als Enttäuschung. Harter Boden, uneben und kein Strom, obwohl der eigentlich inklusiver sein sollte. 32 Euro dafür ist ganz schön happig. Müde und geschafft baute ich mein Zelt auf, ging duschen und dann war auch schon Feierabend für mich. Morgen besichtige ich den Park von Versailles und das Trianon, Donnerstag dann das Schloss selbst. Freitag geht es zurück an die Seine – ja, die Steigungen habe ich auch in der Gegenrichtung! – über Bondy nach Gressy. Etwa 47 Kilometer, je nachdem wo ich einen Schlafplatz finde. Campingplätze gibt es auf 4 Etappen keinen einzigen, erst wieder in Noyon.

02. Mai 2022, Etappe von Melun nach Ivry-sur-Seine

Dass es heute eine lange Etappe werden würde, wusste ich. Auch, dass sie nicht ganz einfach zu fahren sein würde. Aber dass ich – Pausen abgerechnet – fast 11 Stunden unterwegs sein würde, das hatte ich nicht auf dem Schirm! Ich brach um 08:40 auf und erreichte Corbeil-Essonnes punkt 12 Uhr Mittag. Das waren 28 Kilometer, die allerdings – wie ich schon zuvor schrieb – durch das holprige Terrain nur langsam zu bewältigen waren. Bevor ich startete, hatte ich mir den GPX Track der Etappe in Komoot geladen, weil mir vom letzten Jahr her die mangelhafte Ausschilderung noch gut im Gedächtnis verankert war. Da hatte ich mich 3 mal verfahren. Ich rechnete dahingehend also nicht mit bösen Überraschungen. Die hielt dann die Strecke selbst bereit, die ich zum ersten Mal fuhr. 2021 war ich nach dem dritten Irrweg einfach an der Straße entlang geradelt, und wechselte erst kurz vor Corbeil-Essonnes über die Brücke auf die andere Seite der Seine.

Diesmal folgte ich – nach einer Kaffeepause – der richtigen Route, was einige Kilometer lang auch gut funktionierte. Gefährlich wurde es einmal, als der Radweg die stark befahrene Straße aus Corbeil-Essonnes heraus kreuzte. Das war nämlich eine Autobahnzufahrt und der Übergang lag direkt hinter einer Kurve. Ich stand dort fast 5 Minuten, bevor ich endlich rüber konnte. Wie erwartet, war die Ausschilderung der Route so gut wie nicht vorhanden, mit Komoot fand ich aber dennoch meinen Weg. Das ständige Navigieren kostete jedoch Zeit und die Strecke verlief im Zickzack mal durch Parks und Naherholungsgebiete, mal durch Orte und Industriezonen. Der eigentliche Spaß begann aber hinter Grigny, als der Radwanderweg wieder an die Seine führte. Dort traf ich auf eine dieser unsäglichen Barrieren, durch die man sich allenfalls mit einem Fahrrad ohne Gepäck durchschlängeln konnte. Das große Tor hatte zwar einen Griff zum Hochklappen, mit dem man das normalerweise öffnen konnte, der war aber auf der anderen Seite mit einem Vorhängeschloss gesichert.

Ich koppelte den Anhänger ab und schob als erstes mein Fahrrad durch den mittleren Teil der Barriere. Das klappte auch ganz gut. Den Anhänger hätte ich irgendwie durch das linke Teil fädeln müssen, glücklicherweise kam ein anderer Radfahrer daher und half mir, den Anhänger drüber zu heben. Er meinte auf meine Frage hin auch, dass das große Tor normalerweise offen sei. Ich koppelte den Anhänger wieder an und fuhr weiter. Einige Kilometer weiter erwartete mich eine ähnliche Barriere, diesmal jedoch war das große Tor offen. Gott sei Dank. Der Radwanderweg führte nun durch ein Naherholungsgebiet, wo ich noch mal eine halbe Stunde Pause einlegte.

Der Eurovelo 3 sollte dahinter eigentlich über eine Brücke auf die andere Seite der Seine wechseln, doch hier gab es erneut eine Barriere, noch enger diesmal, und zudem steile Treppen. Da war für mich kein Weiterkommen möglich. Ich drehte also um und radelte alles zurück, bis ich eine Straße fand, die durch Vigneux-sur-Seine führte. Von da aus navigierte ich mit Komoot zur nächsten Brücke. Entlang der Route National ging es erst über einen Nebenfluss der Seine und anschließend auf der zweiten Brücke über die Seine nach Ablon-sur-Seine, wo ich wieder auf dem Eurovelo 3 ankam. Mittlerweile war klar, dass ich wesentlich später am Hostel in Ivry-sur-Seine eintreffen würde als geplant. Zumindest ging es jetzt deutlich zügiger voran und Umwege musste ich auch keine mehr fahren.

Mit Komoot navigierte ich vom Radwanderweg die letzten 3 Kilometer zum Hostel in Ivry-sur-Seine und erreichte mein Etappenziel um 09:15. Müde checkte ich ein, duschte kurz und aß etwas. Morgen wird es entspannter, denn nach Versailles ist es nicht so weit. Ich muss zurück an die Seine und an ihr entlang, so wie ich letztes Jahr auch gefahren bin. In Boulogne-Billancourt wechsele ich dann auf den Radweg nach Versailles. Zwischendurch hole ich noch meinen neuen Pass an der deutschen Botschaft ab.

01. Mai 2022, Etappe von Grez-sur-Loing nach Melun

Mainächte können auch noch hübsch frisch werden! 4 Grad hatte es heute früh, als ich um 06:00 aus dem Schlafsack kroch. Die heutige Etappe wird, wie gestern, etwa 47 Kilometer betragen. Ich wollte nicht zu spät aufbrechen, damit ich mich nicht abhetzen musste. Um 9:00 startete ich auf die Strecke. Sie führte über Moret-Loing-et-Orvanne, wo ich eine Kaffeepause einlegte, Saint-Mammes und durch den Wald von Fontainebleau nach Melun. Der Radwanderweg verlief entlang des Canal du Loing auf einem sogenannten Chemin du Halage, das sind ehemalige Treidelpfade. Der Untergrund wechselte daher auch zwischen grobem – nicht gut für die Reifen – Schotter, feinem Kies und Asphalt. Vor Moret-Loing-et-Orvanne kam spitzer Schotter hinzu, sodass ich sehr vorsichtig fuhr, beziehungsweise das Fahrrad schob.

In Saint-Mammes mündeten Kanal und der Fluss Loing in die Seine. Es ging über eine Brücke und dann durch einen lichten Wald entlang der Seine. Hier schob ich meinen Drahtesel ebenfalls einige Kilometer aufgrund des schlechten Untergrunds. Ab Samoreau war der Radwanderweg wieder asphaltiert und führte durch ein Naherholungsgebiet. Schönes Wetter, ein Feiertag beziehungsweise Wochenende .., kurzum, es war alles los, was nicht angebunden war! Ich machte noch eine Pause von zwanzig Minuten an einem Picknickplatz, um etwas zu trinken. Wasser ist enorm wichtig und leider versäume ich es oft genug, reichlich davon zu trinken.

Durch den Wald von Blois-le-Roi ging es dann weiter auf Melun zu. Dieser letzte Abschnitt vor dem Ziel wies die schon früher erwähnten Schlaglöcher und Bodenwellen auf. Die betonierten Buckel sollen Autofahrer zwingen, Schrittgeschwindigkeit zu fahren und wer sein Auto liebt, der tut das auch! Diese Boden wellen sind echt tückisch. Nun haben sich die Stadtplaner wohl gedacht, für die Radfahrer lassen wir in der Mitte eine Lücke, damit die nicht ständig über die sich alle paar hundert Meter befindenden Buckel hüpfen müssen. Gute Idee, aber mit einem 2rädrigen Anhänger nicht machbar. Die Gefahr, dass ein Rad an einer Bodenwelle links oder rechts hängenbleibt und der Anhänger umkippt, ist zu groß. Also radelte ich über die Buckel. So wie Stachelschweine Liebe machen. Gaaanz langsam und vorsichtig. Oder ich stieg ab und schob das Fahrrad. Immerhin hatte sich so genug Muße, die wunderschönen alten Häuser und Villen zu fotografieren, die entlang der Straße standen.

Den Campingplatz erreichte ich um 16:45. Er liegt direkt am Radweg und an der Seine, etwa 1 Kilometer vor Melun. Im September 2021 übernachtete ich hier schon einmal, als ich die Strecke in der Gegenrichtung befuhr. 9 € und Strom bekam ich gratis dazu, da kann man nicht meckern. Morgen wird es stressiger. Knapp 70 Kilometer sind bis zum Hostel in Ivry-sur-Seine zu fahren und bis Corbeil-Essonnes erwarten mich die gleichen Tücken wie heute schon. Ich werde also morgen auch spätestens um 9:00 aufbrechen.

30. April 2022, Etappe von Montargis nach Grez-sur-Loing

Heute Morgen wollte ich den neuen Reifen aufziehen – und musste feststellen, dass er nicht passte! Obwohl er mit 28 Zoll markiert war, war er kleiner als der alte Reifen. Entweder war das Etikett falsch oder es gibt auch bei 28 Zoll noch Unterschiede, keine Ahnung. Ich hatte den Verkäufer beim Intersport ja extra noch gefragt. Lust, erneut ins Gewerbegebiet zu gondeln hatte ich nicht, es hätte auch meinen gesamten Zeitplan durcheinandergebracht. Daher schrieb ich die 20 € ab und schenkte den Reifen dem Mann an der Rezeption, mit der Bitte, ihn jemandem zu geben, der ihn gebrauchen konnte. Damit ich nicht noch weiter auf dem angefahrenen Reifen radelte, tauschte ich den kaum verschlissenen Vorderreifen mit dem hinteren einfach aus. Das erforderte schon etwas Zeit, was hieß, dass ich erst um 11 Uhr startete, als wie geplant um 10:00.

Von den neuen Sachen, die ich gestern gekauft habe, erwiesen sich vor allem die selbstaufblasende Matte – Forglaz – und der Laptop-Rucksack – Quechua – als guter Kauf. Die Matte nimmt extrem wenig Platz weg, ist binnen einer Minute aufgeblasen und polstert ganz hervorragend auch bei härteren Böden. Die neue Powerbank habe ich noch nicht getestet, aber bereits aufgeladen. Der Rucksack sitzt super und ich spüre ihn kaum.

Ich brach also recht spät auf und fuhr auch noch bei einem Supermarkt vorbei, weil ich beim Aldi nicht alles bekommen hatte, was ich brauchte. Außerdem gönnte ich mir noch einen Kaffee und ein Croissant in einer Bäckerei. Schlussendlich war es Mittag, als ich auf die Strecke fuhr.

Die Route führte komplett am Kanal entlang, war entspannt zu fahren und die Etappe mit 44 Kilometern auch nicht zu lang. Gestern Abend war ich so platt, dass ich nichts mehr am aktuellen Manuskript geschrieben hatte, das wollte ich heute nachholen. Die Piste wechselte immer wieder ab zwischen feinem Schotter – gut zu fahren, Asphalt und – auf einem Abschnitt – Kies. Weniger gut zu fahren. Dass es noch früh in der Saison ist, zeigte sich an den wenigen Radwanderern, die ich traf. Wobei der Eurovelo 3 auch nicht so frequentiert wird wie beispielsweise die La Vélodyssée. Den Eurovelo 3 möchte ich irgendwann – mit einem guten Fahrrad! – komplett radeln. Er führt von Trondheim in Norwegen nach Saint-Jaques-de-Compostelle in Spanien und ist über 5000 Kilometer lang!

Bis etwa 13 Uhr zeigte sich der Himmel eher bedeckt, doch dann lockerten sich die Wolken auf. Mit 17 Grad blieb es 3 Grad kühler als gestern, zudem blies ein frischer Wind aus Norden. Also kein T-Shirt-Wetter heute. Ich legte nur kurze Pausen ein, um etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, fuhr ansonsten zügig durch und erreichte den Campingplatz um 17:00. Schon im letzten Jahr, im September, hatte ich hier übernachtet. Heute aber war der Platz für die Zelte schon fast komplett belegt und ich landete auf einem Platz nahe der Straße. Nicht so schön, weil laut, aber es ist ja nur für eine Nacht. Morgen habe ich eine ähnlich lange Etappe bis Melun.

29. April 2022, Etappe von Ouzouer-sur-Trézée

Ursprünglich hatte ich ja geplant, heute bis Montargis zu fahren und Samstag einen Tag Pause zu machen, um die benötigte Ausrüstung neu zu kaufen beziehungsweise zu ersetzen, was kaputt war. Dummerweise unterlief mir bei der Etappenplanung ein grober Fehler. Ich hatte schlicht eine Etappe übersehen, was bedeutete, dass ich alles heute erledigen musste. Aus dem gemütlichen Radeln bis Montargis wurde also nichts. Ich startete um 10:00 und trat zügig in die Pedale, denn ich wollte spätestens um 16:00 am Campingplatz sein, damit noch genug Zeit blieb, um ins Gewerbegebiet zu fahren, wo Decathlon, Intersport und die anderen Geschäfte lagen.

Bis Rogny-les-Sept-Écluses klappte das auch wunderbar. Danach schlängelte sich die Route allerdings nicht mehr am Kanal entlang, sondern verlief oberhalb und parallel dazu durch die hügelige Landschaft. Diesen Teil der Strecke hatte ich noch gut vom September 2021 in Erinnerung, als ich sie in der Gegenrichtung befahren hatte. In Dammarie-sur-Loing traf der Radweg wieder auf den Kanal. Ab da war er angenehm zu fahren und ich konnte wieder etwas mehr Tempo machen.

Vom Start bis etwa 13:00 blieb es bewölkt und es tröpfelte vereinzelt sogar, doch später schaffte es die Sonne doch noch durch die Wolken und es wurde schön. Vor Montargis hatte ich zwei Möglichkeiten: Vom Radwanderweg aus direkt ins Gewerbegebiet zu radeln und anschließend auf den Campingplatz, oder erst auf den Campingplatz, Zelt aufbauen und dann ohne das ganze Gepäck zum Einkaufen fahren. Ich entschied mich für das zweite, weil ich gerne noch duschen wollte, bevor ich mich in die Geschäfte stürzte.

Der Campingplatz selbst liegt etwas außerhalb von Montargis und ist mit dem Fahrrad nicht einfach zu erreichen. Die Radstreifen entlang der Hauptstraße sind ein Witz, vor allem, wenn die Autofahrer mit ihren Karren dann auch noch halb darauf fahren! Entsprechend stressig war dann auch der Weg ins Gewerbegebiet. Insgesamt brauchte ich für die 14 Kilometer hin und zurück, sowie fürs Einkaufen selbst fast 4 Stunden. Danach war ich fix und alle und hatte rasende Kopfschmerzen, wie immer, wenn ich Stadtverkehr bewältigen muss.

Leider habe ich auch nicht alles von dem kaufen können, was auf meiner Liste stand. Sowohl Decathlon als auch Intersport boten kaum Material für Trekking an. Campingzelte gab es nur die großen ab 4 Personen aufwärts. Ich bekam eine neue selbstaufblasende Schlafmatte – die andere ich vor Aufbruch verschenkt, weil sie zu viel Platz im Anhänger wegnahm – und neue Reifen. Kurze Radsporthosen gab es nur für Männer und Kinder. Dafür fand ich einen Laptop-Rucksack mit Rolltop und viel Platz für mein mobiles Büro. Der alte Rucksack ist nur ein einfacher Trekkingrucksack und nach 3 Touren schon ziemlich mitgenommen. Im Darty kaufte ich noch einen Miniwasserkocher und eine zweite Powerbank. Dienstag komme ich in Paris noch an einem Decathlon vorbei, vielleicht bekomme ich dort ein Zelt, solange muss das jetzige noch halten.

Heute geht es auf eine kürzere Etappe bis hinter Nemours, morgen dann nach Melun und Montag auf eine längere bis zum Hostel in Ivry-sur-Seine.

24. April 2022, Etappenplanung und Arbeit während der 2-wöchigen Pause in Ouzouer-sur-Trézée

Der Campingplatz hier ist nicht nur sehr günstig. Es ist schön ruhig hier, ich habe gratis WiFi und einen Platz in einem Pavillon, wo ich gut arbeiten kann. Viel los ist an der Strecke des Eurovelos 3 noch nicht. Auf dem Loire-Radweg traf ich schon deutlich mehr andere Radwanderer. Neben der Arbeit am aktuellen Manuskript „Die Einsamkeit des Kranichs“ und dem Gestalten von neuen Premade-Covern plane ich bereits die nächsten Etappen. Bis Paris sind es jetzt noch 213 Kilometer. Das Wetter soll erst mal schön bleiben, ab Mai etwas kühler. Und es ist viel zu trocken. Der angekündigte Regen ist auch diesmal fast gänzlich ausgeblieben.

Auf dem Eurovelo 3, de „La Scandiberique“ geht es ab dem 30. April oder 3. Mai – das hängt davon ab, wann die Tantiemen auf meinem Konto gebucht werden, normalerweise immer am 29. Das ist aber in diesem Monat ein Freitag, was bedeutet, dass es möglicherweise erst am folgenden Montag gebucht wird – weiter in Richtung Paris. Das nächste Etappenziel ist Montargis, wo ich 2 Tage auf dem dortigen Campingplatz bleiben werde, um meine Ausrüstung zu ergänzen oder neu zu kaufen. Das wären:

  • Die komplette Sommergarderobe inklusive Schuhe, denn meine fällt jetzt wirklich fast auseinander.
  • Neue Reifen für das Fahrrad, eventuell – wenn es nicht zu teuer wird – lasse ich das Hinterrad gleich ganz austauschen. Da sind im letzten Jahr 4 Speichen gebrochen.
  • Ein anderes Zelt.
  • Eine selbstaufblasende Isomatte, die nicht so sperrig ist, wie die, die ich seit Dezember habe.
  • Eine zweite Powerbank.
  • Eventuell einen neuen Rucksack.
  • Neues Kochgeschirr.
  • Zwei Rechnungen sind noch offen.

Da werden sicher insgesamt 400 € fällig werden. Bleiben noch etwa 420 übrig, da sind die Tantiemen aus den Tolino Media-Shops noch nicht mit eingerechnet. Wegen technischer Probleme gibt es diesen Monat keine Abrechnung und das Geld wird auch nicht an einem festen Datum überwiesen, sondern innerhalb von 4 Wochen ab Abrechnungsdatum.

Das Geld von Amazon muss also reichen bis Ende Mai, falls keine neuen Designaufträge kommen. Ob da ein Besuch von Versailles drin ist, weiß ich noch nicht. Die Tickets für Schloss und Park sind ja nicht das Problem. Das sind 18 € für das Schloss und 12 € für den Park. Was richtig teuer kommt, ist der Campingplatz dort, denn da kosten 3 Nächte – also 2 Tage Aufenthalt – 96 €. Plus eine Nacht zuvor auf dem Camping Paris Est – 20 € – weil ich ja noch zur deutschen Botschaft fahren muss, um den neuen Personalausweis abzuholen. Macht zusammen 146 €. Das Schloss von Versailles steht schon so lange auf meiner Wunschliste ganz oben, aber irgendwie scheint es nie zu klappen, wenn ich mal in der Nähe bin. Immerhin konnte ich 2019 das Château Fontainebleau besichtigen, ein tolles Erlebnis!

Bleibt die Tour in dem Tempo wie bisher, müsste ich Mitte Mai in Namur in Belgien ankommen. Von da aus geht es auf den Eurovelo 5 über Brüssel an die Küste. Hier wechsele ich wiederum auf den Eurovelo 12, der an der Küste Belgiens, der Niederlande und Deutschlands bis nach Hamburg führt. Geschätzt Mitte bis Ende Juni müsste ich diese Stadt erreichen.

Der Verlauf der Eurovelos.
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19. April 2022, Etappe von Lion-en-Sullias nach Ouzouer-sur-Trézée

Auch heute Morgen war es mit 5 Grad recht frisch, als ich um 9:00 auf die vorläufig letzte Etappe im April startete. Bis Anfang Mai wollte ich auf einem günstigen Campingplatz in Ouzouer-sur-Trézée bleiben. Zum einen hatte ich dann wieder Zeit, an meinem aktuellen Manuskript zu arbeiten, zum anderen würden m 29. April die Tantiemen von meinem letzten Buch aufs Konto kommen, was bedeutete, dass die finanziellen Schwierigkeiten vorerst ein Ende hatten und ich vor allem meine Ausrüstung ergänzen und neu kaufen konnte. Die Sommersachen, die ich 2020 gekauft hatte, fallen nämlich so langsam auseinander.

Das Wetter versprach heute mehr Wolken als Sonne, aber es sollte trocken bleiben. Ich fuhr zurück auf den Radwanderweg, folgte diesem jedoch dann nicht weiter, denn er führte über die Hügelkette nach Saint-Florent. Stattdessen wählte ich die wesentlich kürzere und flachere Route über die Landstraße. Es herrschte wenig Verkehr und ich erreichte Gien um 10:30. Hier überquerte ich die Loire, weil in der Stadt noch Vorräte einkaufen und mein Handy aufladen wollte. Der Campingplatz lag nämlich am Rande eines winzigen Dorfes und außer eine ebenso winzigen Épicerie – eine Art Mini-Supermarkt – und eine Bäckerei gab es dort nichts.

Noch schnell einige Fotos vom Schloss geknipst und weiter ging es. War es bislang flach gewesen, so verlief der Radwanderweg, auf den ich an der Brücke bei Gien wieder traf, nun parallel zur Loire durch die sanft hügelige Landschaft. Sanft, aber Steigung genug für mich. Wie gut, dass ich morgens am Friedhof meine Wasservorräte nochmal hatte auffüllen können! Ab 14:00 kam die Sonne doch noch richtig heraus und es wurde sehr warm.

Bis zur berühmten Brücke von Briare – die Pont du Canal – schlängelte sich der Radweg malerisch hügelauf- und hügelabwärts durch lichte Wälder an Wiesen und Weiden vorbei und überquerte etliche Bäche und Wassergräben. Erst vor der Brücker erreichte er die Loire wieder, von der ich mich heute verabschieden musste. Der Eurovelo 3 – La Scandiberique – führte von hier aus über Paris nach Belgien.

Ich schoss ein paar Fotos von der Brücke und radelte anschließend weiter, durchquerte Briare und gelangte an den Hafen am Kanal, wo ich eine längere Pause einlegte. Tatsächlich nickte ich sogar ab und zu ein. Die letzten Etappen machten sich bei mir bemerkbar. Da kam mir eine längere Auszeit, die ich auch zum Arbeiten nutzen konnte, sehr gelegen. In diesem Monat soll eine Novelle erscheinen und im Mai der 2. Band der Reihe Soulanimals. Ich bin übrigens überrascht davon, dass Amarok sich derart gut verkauft! Fantasy geht allgemein etwas schlechter über den Ladentisch und dieser Roman fällt eher in die Kategorie Sagen und Legenden. Nicht gerade massentauglicher Lesestoff. Gut für mich, denn so wie es gerade aussieht, werde ich das Mediendesign mangels Aufträgen bald aufgeben müssen und mich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Seit Beginn der Pandemie kommen die meisten Einnahmen tatsächlich über die Buchverkäufe. Dadurch aber, dass ich im letzten Jahr so ein massives Pech hatte – der kaputte Laptop und eine viermonatige Odyssee durch Amazons Support, bis die Rückerstattung auf dem Konto war und ich einen neuen Laptop kaufen konnte – kam ich im Winterquartier 2021 praktisch komplett blank an. Das Problem ist: Bücher schreiben sich nicht zwischen Tür und Angel. Sie brauchen Zeit, die ich oft nicht habe. Am Ende einer Tagesetappe reicht es meistens nur noch für einen Blogartikel und manchmal einige Zeilen im Manuskript. Will ich wirklich intensiv arbeiten, benötige ich einen längeren Aufenthalt auf einem Campingplatz – mindestens 1 Woche – um produktiv sein zu können. Das kostet wieder Geld. Je nach Preisen kommt da ganz schön was zusammen und essen will ich ja auch noch. Aber zurück zur Etappe:

Vom Hafen aus waren es nur noch 9 Kilometer entlang des Kanals, die leicht und schön zu fahren waren, bevor ich den kleinen Ort mit dem zungenbrecherischen Namen erreichte. Der Campingplatz lag nach hinten heraus am Radwanderweg, der Eingang und die Rezeption jedoch befanden sich an der Straße. Der Empfang war herzlich, ich konnte mir den Platz aussuchen, auf dem ich campieren würde und dank einer Spende über meinen Blog, war ich in der Lage, die erste Woche gleich zu bezahlen. Den Rest dann, bevor ich wieder aufbrach, da ich das genaue Abreisedatum noch nicht kannte. Der 29. April ist ein Freitag und es kann durchaus sein, dass die Tantiemen von Amazon vor dem Wochenende nicht mehr gebucht werden. Es war also gut möglich, dass ich erst am 3. Mai weiterfuhr. Bei einem teureren Campingplatz hätte ich mir das nicht leisten können.

Es ist ruhig hier, auch nur wenig los und in einem großen Pavillon stehen Bänke und Tische, sodass ich einen angenehmen Arbeitsplatz habe. Die einzigen Geräusche gestern zum Einschlafen – und heute früh beim Aufwachen – waren das Rauschen des Wassers in der kleinen Schleuse und Vogelzwitschern. Kein Straßenlärm, keine laute Musik, kein Maschinenlärm …Ich liebe es.